Engele Kerkerinck

Engele Kerkerinck [1] (* um 1517 in Münster; nach 1555 in Vechta) [2] war während des Wiedertäuferreichs von Münster eine der 16 Frauen des "Königs" Jan van Leiden und spätere Ehefrau des Christoph von Waldeck, somit Schwiegertocher des Bischofs Franz von Waldeck.

Leben

Engeles genaue Lebensdaten sind nicht bekannt. Es wird vermutet, daß sie etwas älter war [3] als ihr späterer Ehemann, Christoph von Waldeck. Während des Wiedertäuferreichs in Münster (1534/35) war sie eine der 16 Frauen des "Königs" Jan van Leiden.[4] In einer handschriftlichen Liste aus dem Jahr 1534/35 sind die 135 Angehörigen des "Hofstaates" und die 16 Frauen des "Königs" aufgezählt; Engele findet sich an fünfter Stelle ("Düsse nba beschr. sindt gewest de overste Koninginne und Frouwen des Koninks").[5] Mit Ausnahme der Divara van Haarlem, der Witwe des Jan Matthys, soll keine älter als 20 Jahre alt gewesen sein. [5a] Während dieser Zeit dürfte Engele Christoph von Waldeck kennengelernt haben, der während eines Ausfalls der Wiedertäufer in deren Gefangenschaft geraten war und Jan van Leiden als Page dienen mußte.[6] Die Stelle des Pagen ist ihm vermutlich zur Demütigung seines Vaters, des die Stadt belagernden Bischofs Franz von Waldeck, auferlegt worden.[7] Noch während der Belagerung ließen Engele und Christoph sich in Münster trauen.[8] Zum Teil wird angenommen, die Trauung sei auf Veranlassung Jan van Leidens vollzogen worden.[9] Am 2. Juni 1535 konnten Engele und Christoph aus der Stadt fliehen.[10] Hierbei wurden sie wahrscheinlich von Christian Kerkerinck unterstützt.[11] Dieser war Erbmann zu Münster und Rat des Täuferkönigs.[12] Nach der Eroberung Münsters durch die Truppen des Fürstbischofs wurde er am 27. Juli 1535 bei Dülmen hingerichtet. Zumeist wird er als Engeles Vater angesehen.[13] Ihre Mutter war Catharina Brockmann (* um 1495 in Münster; nach 1549 ebenda),[14] Tochter des Hermann Brockmann (* um 1465 in Münster; nach 1511 ebenda) und der Getrud Bispinck.[15]

Wegen seiner Herkunft sowie mit Ersuchen und Fürbitte von vell treffliche von Adel gelang es Christoph von Waldeck, seiner Frau und ihren minderjährigen Geschwistern das an sich verwirkte Vermögen des Vaters zu erhalten.[16] Die beschlagnahmten Häuser der Familie wurden jedoch nicht freigegeben,[17] sondern dem Scholaster, dem Domkellner, an Heinrich Schenking und an die Dominikaner verkauft oder übertragen.[18]

Mit Christoph von Waldeck hatte Engele mindestens ein Kind:

Christoph Waldeck [19]

Von dem Paar leitet sich die Vechtaer Linie der bürgerlichen Familie Waldeck ab, deren genaue Stammfolge - soweit ersichtlich - noch nicht vollständig erforscht ist. [20] Bekannt sind u.a. folgende Vertreter der Vechtaer Familie Waldeck:

Franz von Waldeck (am 1. Dez. 1599 Ratsgewandter in Vechta) [20a]
Henrich (von) Waldeck (* um 1590 in Vechta; vor 1645 in Vechta) [21]
Johann Waldeck (* um 1630/35 in Vechta, begr. 26.09.1687 in Vechta), Bürgermeister, Sohn von Henrich [22]
Otto Henrich Waldeck(er), (konf. 1623 in Korbach, begr. 09.04.1693 in Korbach), Bürgermeister [23]
Dr. Waldeck, 1718-1728 Bürgermeister in Vechta
Christian Waldeck, zwischen 1766 und 1799 mehrfach Bürgermeister in Vechta
wahrscheinlich auch: Catharina Waldeck [24]
Hermann Anton Waldeck, um 1729 Bürgermeister.

Nach Engele Kerkerincks Tod soll Christoph eine zweite Frau namens Barbara gehabt haben.[25]

Verfilmung

In dem TV-Zweiteiler König der letzten Tage aus dem Jahr 1993 ist Engele Kerkerinck (Deborah Kaufmann) neben Jan van Leiden (Christoph Waltz) und Fürstbischof Waldeck (Mario Adorf) eine der Hauptfiguren. Mit den historischen Ereignissen hat die Darstellung allerdings wenig gemein. Im Film ist Engele keine Bürgerin Münsters, sondern zieht neu in die Stadt, nachdem ihr Vater auf dem Land als Wiedertäufer hingerichtet worden war. Tatsächlich wurde Christian Kerkerinck erst nach der Eroberung der Stadt getötet. Die Eheschließung und Flucht mit Christoph von Waldeck wird in dem Film nicht behandelt. Statt dessen verläßt Engele am Ende des Films mit dem Gaukler Sebastian Kien (Otto Kukla) die Stadt und offenbart ihm, daß sie von Jan van Leiden ein Kind erwarte.

Sowohl in dem Film König der letzten Tage als auch in der Erzählung Drei, Sieben, Siebenundsiebzig Leben (1992) von Marionello Marianelli wird Engele Kerkerinck als Rothaarige mit grünen Augen beschrieben. Es ist nicht ersichtlich, ob es sich um eine zufällige Übereinstimmung handelt oder Engeles Erscheinungsbild historisch überliefert ist.

Anmerkungen

[1] Der Vorname ist auch in den Varianten Engel und Angela, der Nachname auch in den Schreibweisen Kerckerinck, Kerckering und Kerkering überliefert.
[2] P. Hermann DEITMER/Clemens STEINBICKER, Ahnen der Familie Deitmer-Gerlach/Saalhausen/Lennestadt 14 in XIV Generationen, in: Beiträge zur Westfälischen Familienforschung, Band 41 (1983), Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung/Werner Frese (Hrsg.), S. 175-307 (S. 286, Nr. 7281); hier in der Namensform "Engel Kerckerinck".
[3] Ernst WALDSCHMIDT, Die Waldeckische Familie Waldschmidt und die Vorfahren Waldschmidtscher Ehefrauen, Bad Wildungen 1927, S. 181. WALDSCHMIDT verwendet die Schreibweise "Engel Kerckering".
[4] Rudolfine FREIIN VON OER, Die Münsterischen Erbmänner, in: Helmut Richtering (Red.), Dreihundert Jahre Stiftung Rudolph von der Tinnen 16881988, Stiftung von der Tinnen (Hrsg.), Münster 1988, S. 114 [4]; Hermann von KERSSENBROICK, Geschichte der Wiedertäufer zu Münster in Westphalen. Nebst einer Beschreibung der Hauptstadt dieses Landes. Aus einer lateinischen Handschrift Hermann von Kerssenbroick übersetzt, 1771, Geschichte des Jahrs 1534 (Fortsetzung), S. 59, hier in der Schreibweise "Angela Kerckeringinn"; Karl ZIEGLER, Das Reich der Wiedertäufer in Münster, Ein historischer Abriß, Lemgo/Detmold 1854, S. 34.
[5] Die Liste ist abgedruckt in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, Band 16 = N.F. Band 6, Münster 1855, S. 358-363. Hier findet sich die Namensform "Kerkerinck"
[5a] Johann C. FÄSSER, Geschichte der Wiedertäufer zu Münster, 2. Auflage, Münster 1861, S. 178, hier in der Variante "Angela Kerkering"; Albert de LABADYE, Wilderich von Rabenhorst und die deutschen Vaticanstürmer, Zeitbilder in Erzählungen aus der Geschichte der christlichen Kirche, Band 9, Köln 1868, S. 328. LABADYE verwendet ebenfalls die Schreibweise "Angela Kerkering".
[6] Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde (wie Anm. 5), S. 93. Christoph von Waldeck ist unter Ziffer 93 als Page genannt; Hans-Joachim BEHR, Franz von Waldeck 1491-1553. Sein Leben in seiner Zeit, Teil 1: Darstellung, Münster 1996, S. 127, 481; Albert LEISS, Studierende Waldecker vom 13. bis zum 19. Jahrhundert (Fortsetzung), in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, 4. Band (1904), S. 37, geht irrtümlich davon aus, Christophs gleichnamiger jüngerer Halbbruder sei in die Gefangenschaft der Wiedertäufer geraten.
[7] Carsten FISCHER, Die Täufer in Münster - Recht und Verfassung einer chiliastischen Theokratie, in: forum historiae juris, Erste europäische Internetzeitschrift für Rechtsgeschichte, Artikel vom 12. August 2004, Fn. 130: (Digitale Ausgabe).
[8] Wilhelm KOHL (Bearb.), Germania Sacra, Neue Folge 37,3, Bistum Münster 7, Die Diözese 3, Berlin 2003, S. 555, zitiert aus einer Urkunde vom 12. September 1539, in der es heißt: "... Christoffer van Waldeck bastert, seine huesfrouwe, so he in der belegering bynnen der Stadt Munster vertruwt...". Trotz dieses urkundlichen Belegs wird die Eheschließung auch in die Zeit nach der Eroberung Münsters gesetzt: DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), "um 1539"; BEHR (wie Anm. 6), S. 481.
[9] Franz PETRI/Hermann AUBIN (Hrsg.), Der Raum Westfalen, Band 6/1, Fortschritte der Forschung und Schlußbilanz, Münster 1989, S. 298.
[10] BEHR (wie Anm. 6), S. 481; KOHL (wie Anm. 8).
[11] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 285-286, Nr. 7280; BEHR (wie Anm. 6), S. 481; KOHL (wie Anm. 8).
[12] BEHR (wie Anm. 6), S. 481.
[13] BEHR (wie Anm. 6), S. 481; KOHL (wie Anm. 8); WALDSCHMIDT (wie Anm. 3), spricht nur von einem "münsterischen Edelmann"; FREIIN VON OER (wie Anm. 4), hält die Verwandtschaft mit der Erbmännerfamilie Kerkerinck für nicht geklärt und beruft sich hierbei auf Karl-Heinz KIRCHHOF, Die Täufer in Münster 1534/35, Münster 1973, S. 57 ff., 65, 166; ders. hat jedoch in einer früheren Publikation Engele als Tochter Christian Kerkerincks bezeichnet: Die Erbmänner und ihre Höfe in Münster, Untersuchungen zur Sozial-Topographie einer Stadt im Mittelalter, in: Westfälische Zeitschrift, Zeitschrift für Vaterländische Geschichte und Altertumskunde, Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens/Klemens Honselmann/Joseph Prinz (Hrsg.), 116. Band, Münster 1966, S. 3-26 [6].
[14] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2.), S. 293, Nr. 14563.
[15] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2.), S. 298, Nr. 29126, 29127. Eine Alheid Bispinck, vielleicht eine Verwandte, war Abtissin des Klosters St. Ägidien in Münster; ihr wurde im Jahr 1500 durch Graf Philipp II. von Waldeck, dem Großvater von Engele Kerkerincks Mann Christoph von Waldeck, die Aufsicht über das Kloster Schaaken bei Korbach übertragen (vgl. Gerhard NEUMANN, Kirche und Gesellschaft in der Grafschaft Waldeck am Ausgang des Mittelalters, Waldeckische Forschungen - Wissenschaftliche Reihe des Waldeckischen Geschichtsvereins, Band 11, Bad Arolsen 2001, S. 137).
[16] BEHR (wie Anm. 6), S. 481; KOHL (wie Anm.8).
[17] BEHR (wie Anm. 6), S. 481; KIRCHHOF (wie Anm. 13 [1966]).
[18] BEHR (wie Anm. 8), S. 481; vgl. auch KIRCHHOF (wie Anm. 13 [1966]), der darauf hinweist, das Haus Neubrückenstraße 20 habe 1623 einem Junker Schenking gehört, welcher es 1640 an den niederländischen Kaufmann Lancelot Witton verkauft habe. Eine Engele Schencking soll Christian Kerkerincks Mutter gewesen sei (DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 298, Nr. 29125). Möglicherweise blieb das Haus somit dennoch in Familienbesitz.
[19] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 279, Nr. 3640; WALDSCHMIDT (wie Anm. 3), S. 182; Detlev SCHWENNICKE, Europäische Stammtafeln, Neue Folge, Band I.3, Die Häuser Oldenburg, Mecklenburg, Schwarzburg, Waldeck, Lippe und Reuß, Frankfurt 2000, Tafel 333 A, der aber irrig annimmt, Christoph Waldecks Linie sei am 22. Juli 1744 erloschen. Das gilt jedoch nur für den Korbacher Zweig im Mannesstamm. Weibliche - und in Vechta auch männliche - Nachkommen haben die Linie weitergeführt.
[20] WALDSCHMIDT (wie Anm. 3), nennt keinen unmittelbaren weiteren Nachfahren, weist aber auf die späteren Korbacher Abkömmlinge hin; SCHWENNICKE (wie Anm. 19), führt die Linie nur bis zu Christophs I. Sohn Christoph weiter, erforscht aber nicht die Vechtaer und Korbacher Linie.
[20a] Axel FAHL-DREGER, Wappen, Siegel, Recht und Rat - Die Rechtssituation der Stadt Vechta im Mittelalter, S. 26, veröffentlicht anläßlich der gleichnamigen Ausstellung des Museum im Zeughaus in Vechta vom 21.06.2013 bis 26.10.2013.
[21] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 273, Nr. 1820; Anna Marie BÜNING, Die Bucholtz von Haus Hall bei Gescher - Eine münsterländische Familie im Dienste des Landesherrn, in: Archiv für Sippenforschung und alle verwandten Gebiete mit Praktischer Forschungshilfe, 37. Jahrgang (1971), Heft 42, S. 100-115 [105].
[22] DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 269, Nr. 910; BÜNING (wie Anm. 21). Johann Waldeck wird hier ausdrücklich als Nachfahre des Bischofs Franz I. von Waldeck über dessen erstgeborenen Sohn Christoph von Waldeck genannt.
[23] Albert LEISS, Studierende Waldecker vom 13. bis zum 19. Jahrhundert (Fortsetzung), in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, 5. u. 6. Band (1906), S. 237; Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 5, Stechebahn - Violinenstrasse, Heumarkt - Am Steinhaus, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1959, S. 69 (Nr. 12); WALDSCHMIDT (wie Anm. 3), S. 182, gibt das Konfirmationsjahr mit 1632 an (Zahlendreher?). Otto Henrich hatte noch zwei Söhne (Samuel 1636-1708) und Jost Henrich (1644-1713) sowie von Samuel einen Enkel (Henrich 1669/70-1744) mit dem die Familie Waldeck im Mannesstamm in Korbach wieder ausstarb, vgl. WALSCHMIDT (wie Anm. 3), S. 182.
[24] Vgl. Friedrich Wilhelm EULER, Genealogische und soziologische Betrachtungen über die Vorfahren des Berliner Oberbürgermeisters und Politikers Ernst Reuter, in: Genealogisches Jahrbuch, Band 1, herausgegeben von der Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte, Berlin-Frankfurt/M. 1961, S. 15-47 [40-41]. Vgl. auch den Eintrag zu Barthold Becker.
[25] WALDSCHMIDT (wie Anm. 3), S. 182; SCHWENNICKE (wie Anm. 19); DEITMER/STEINBICKER (wie Anm. 2), S. 285-286, Nr. 7280.