Tempel 5 (Korbach)

Das Haus Tempel 5 im Mai 2017.
Anklicken für größere Version.

Das Haus Nr. 5 in der Straße Tempel ist ein 1956 errichtetes Gebäude in der Altstadt von Korbach Es beherbergt seit seiner Errichtung den städtischen Kindergarten "Tempel". [1] Bis zu ihrer Zerstörung am 10. November 1938 standen an dieser Stelle ein 1781 von dem Hutmacher Elias Müller errichtetes Fachwerkhaus, das zu jener Zeit die jüdische Schule beherbergte, und die 1895 errichtete neue Synagoge der jüdischen Gemeinde.

Geschichte

1. Das große Hanggrundstück, das zwischen dem Tempel und dem altstädter Kirchhof liegt und bis 1892/1904 auch das Haus Kilianstraße 6 umfaßte, gehörte im 17. Jahrhundert der Familie von Dalwigk zu Dalwigk. Auf dem Gelände stand ein Gutshof. Die Familie von Dalwigk schenkte das Anwesen der Kirche zu Obernburg. Wann das Grundstück an die Familie Dalwigk und von dieser an die Kirche veräußert wurde, ist ebensowenig bekannt wie die früheren Eigentümer.

2. Von der Kirche in Oberburg erwarb im Jahr 1711 Wilhelm Krebs (* in Blankenstein; 1729 in Darmstadt) das Grundstück. Er war von 1706 bis 1729 Rentmeister in Vöhl und verheiratet mit einer Catharina (begr. 13.04.1742).

3. Im Jahr 1748 wurde der Jäger Johann Conrad Krebs (* um 1706; 20.11.1760), Sohn von Nr. 2, neuer Eigentümer. Er war verheiratet mit einer Johannette Helena (* um 1712; begr. 11.02.1752).

4. 1779 kaufte der Hutmacher Elias Müller (~ 05.08.1731; 27.10.1790) das Grundstück. Er war der Sohn des Wolrad Müller und der Johanna Catharina Querl. Am 18. Juli 1752 heiratete er Elisabeth Anna Catharina Emde (~ 28.02.1725; 17.03.1782), Tochter des Jost Henrich (von der) Emde und der Barbara Catharina Range. Um das Jahr 1785 ging Müller eine zweite Ehe mit einer Maria Catharina (* 1718; 07.11.1788) ein, Witwe des Hauptmann Thomas aus Basdorf. Sie wurde 1785 Korbacher Bürgerin. Müller war zeitweilig Ratsmitglied un in den Jahren 1756 bis 1766 Eigentümer des Hauses Enser Straße 2 und von 1761 bis 1764 des Hauses Tränkestraße 4. Elias Müller ließ eine auf dem Grundstück stehende Scheune abreißen und ein neues Fachwerkwohnhaus errichten.

5. Im Wege der Erbfolge wurde 1791 Johann Justus Friedrich Müller (* 29.01.1759; 15.07.1819), Sohn von Nr. 4, neuer Besitzer des Gebäudes. Auch er war zeitweise Ratsmitglied, erwarb 1786 die Bürgerrechte und war verheiratet mit Conradine Christiane Ulrichs (* um 1763 in Frebershausen; 02.05.1827), Bürgerin seit 1786.

6. Erst im Jahr 1831, einige Jahre nach dem Tod der Eheleute Müller, ist ein erneuter Eigentümerwechsel verzeichnet. Der Kaufmann Georg Christian Wilhelm Vesper (* 27.11.1802; 28.01.1880) erwirbt das Haus. Er war der älteste Sohn des zweiten Bürgermeisters und Kaufmanns Johann Henrich Wilhelm Vesper und der Johanne Juliane Curtze. Am 6. Juni 1830 heiratete Wilhelm Vesper jun. Christiane Henriette Friederike Hartwig (* 23.09.1813; 03.03.1843), zweite Tochter des Bäckermeisters Johann Henrich Christian Hartig und der Maria Juliane Urspruch. Eine zweite Ehe ging er am 12. Juni 1844 mit Dorothea Wilhelmine Louise Postelmann (* 30.09.1801; 22.01.1887) ein, Tochter des Silberarbeiters Wilhelm Postelmann und der Maria Wilhelmine Müller, verwitwete Lorich (vgl. Schulstraße 2, Nr. 6). Wilhelm Vesper jun. war in den Jahren 1842 bis 1848 und von 1849-1851 Oberbürgermeister der Stadt Korbach. Ein Bild von ihm hängt im Rathaussaal. Einer seiner Söhne war der Pfarrer und Superintendent Wilhelm Vesper, der lange Jahre als Pfarrer in Landau und Rhoden amtiert hat.

7. 1890 erwarb der Stellmachermeister Wilhelm Christian Friedrich Ludwig Limperg (* 27.10.1851; 23.03.1923) das Anwesen. Er war der Sohn des Stellmachermeisters August Wilhelm Carl Friedrich Limpert und der Maria Friederike Johannette Mathilde Emmerich. Er erwarb 1884 die Bürgerrechte und heiratete am 20. Juli des gleichen Jahres Wilhelmine Christiane Johannettte Wille (07.03.1850; 03.10.1910), Tochter des Sattlermeisters Johann Heinrich Friedrich Wille und der Henriette Christiane Friederike Caroline Salm. Wilhelm Limperg wohnte später im Hause seines Bruders, Marktplatz 2.

8. Im Jahr 1892 oder 1893 kaufte die jüdische Gemeinde das Grundstück mit Ausnahme des am Kirchhof gelegenen Gebäudes Kilianstraße 6. Bei THOMAS (wie Anm. 1) finden sich unterschiedliche Angaben über das Erwerbsjahr und den Verkaufer. Auf S. 62 gibt THOMAS an, die jüdische Gemeinde habe den Grundbesitz 1893 von der Stadt Korbach erworben, auf den Seiten 63 und 113 heißt es, die Gemeinde habe das Grundstück bereits 1892 direkt von Wilhelm Limperg gekauft. Die jüdische Gemeinde baute das Wohnhaus um und richtete in ihm Schulräume für jüdische Kinder ein, die hier ihren Volksschul- und insbesondere Religionsunterricht erhielten. Zudem wurde auf dem Grundstück eine Synagoge errichtet. Hierüber heißt in der Korbacher Zeitung vom 2. Januar 1892, Nr. 1:

"Die von der israelitischen Gemeinde von dem Wagner Limperg im Tempel gekauften Häuser sollen abgerissen und auf dem Platze eine stilvolle Synagoge errichtet werden."

Korbacher Zeitung vom 27. Februar 1892, Nr. 25:

"Die früher Wagner Limpergsche Scheune mit Stallung soll auf Abbruch verkauft werden. Auskunft: Jacob Kugelmann und Abraham Salberg."

Am 24. Mai 1895 wird die neue Synagoge eingeweiht. Die Korbacher Zeitung gab einen ausführlichen Bericht und führte unter anderem aus:

"Das Gebäude macht einen vorteilhaften Eindruck, ist im Inneren recht geräumig und mit elektrischem LIchte sowie einer gediegenen Orgel versehen."

Der Bauunternehmer überreichte dem Vorstald der israelischen Gemeinde den Schlüssel zu der Synagoge.

Am Abend des 9. November 1938 zwischen 21.30 und 22.30 Uhr versammelten sich 200 bis 300 Menschen an der Synagoge. Scheiben wurden eingeschlagen, Bücher und Kultgegenstände der Synagoge auf die Straße geworfen, Verwüstungen insbesondere durch SS-Männer und Hitlerjugend vorgenommen. [2] Die jüdische Schule, die zugleich als Wohnhaus diente, wurde mit Steinen beworfen. In dem Haus wohnten zu der Zeit Moritz und Rosa Goldwein, das Ehepaar Hermann und Jenny Straus mit den Tüchtern Irmgard und Friedel. Hermann Straus versah dort Hausmeisterdienste. Alle sechs wurden später in den Vernichtungslagern des Ostens getötet. [3] Die jüdische Schule ging offenbar bereits am 9. November zwischen 22 und 23 Uhr in Flammen auf, die Synagoge wurde mit Brandbeschleunigern (Benzin, Strohballen) am 10. November zwischen 4.00 und 5.00 Uhr morgens in Brand gesteckt. Die Bewohner des Hauses Nr. 5 wurden in Polizeigewahrsam genommen, zunächst zu ihrem Schutz. [4]

9. Nach der Zerstörung der Jüdischen Schule und der Synagoge nahm die Stadt Korbach die Grundstücke 1939 in Besitz.

10. Im Jahr 1949 übernahm die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO/IRSO), die Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation, den Grundbesitz, die es um 1950 an den Gemeinschaftsdiakonissenverband GmbH in Marburg veräußerte.

11. 1954 erwarb das Grundstück die Stadt Korbach, um hier den heutigen Städtischen Kindergarten zu errichten.

Bilder

Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 8, Rathausgasse - Im Paß - Im Tempel - Kilianstraße, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1961, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1961, S. 61-64. Alle folgenden Daten, soweit nicht anders vermerkt, nach THOMAS. Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben.
[2] Vgl. Marion LILIENTHAL, Die Progromnacht in Korbach 1938. Terror, Brandstiftung, KZ-Haft, in: Geschichtsblätter für Waldeck, 103. Band, Waldeckischer Geschichtsverein e.V. (Hrsg.), Bad Arolsen 2015, S. 83-115 [85-86 m.w.N.].
[3] LILIENTHAL (wie Anm. 2), S. 86, Fn. 14.
[4] Eine ausführliche Analyse der Zeitzeugenberichte bei LILIENTHAL (wie Anm. 2).