Kirchstraße 24 (Korbach)

Das Haus Kirchstraße 24 im März 2016.
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Das Haus Nr. 24 in der Kirchstraße ist ein 1698/1699 von dem Pfarrer Johann Henrich Linnekogel errichtetes Fachwerkhaus in der Altstadt von Korbach [1]

Geschichte

Eine lateinische Inschrift an der straßenseitigen Giebelfront verweist auf das Jahr 1674 (s.u.). Danach soll das Haus damals von einem Jugendlichen angezündet und anschließend wieder errichtet worden sein. Bei THOMAS/WILKE/GERLACH (wie Anm. 1) wird auf die Jahreszahl vor der Inschrift jedoch kein Bezug genommen. Möglicherweise war die Jahreszahl damals nicht lesbar oder nicht vorhanden. Ob sie ursprünglich ist und zutrifft, ist nicht bekannt. Möglicherweise wurde sie erst anläßlich der letzten Fassadenrenovierung im Jahr 1996 restauriert oder hinzugefügt. Träfe die Jahreszahl zu, wäre das Haus bereits kurz nach dem Stadtbrand von 1664 neu errichtet und der Neubau wenige Jahre später erneut von Feuer beschädigt worden. Die Jahreszahlen an den Häusern sind nicht immer Original, sondern wurden mitunter erst bei späteren Restaurierungen hinzugefügt, teils beruhend auf unrichtigen Schlussfolgerungen (vgl. auch Lengefelder Straße 3 und Grabenstraße 4)

1. Erster bekannter Eigentümer war der Pfarrer Johannes Linnekogel (* 17.12.1617; 11.02.1703 in Berndorf), Sohn des Bäckermeisters Johannes Linnekogel (Bürger 1614). Johannes Linnekogel jun. war von 1642 bis 1703 Pfarrer in Berndorf. Korbacher Bürger wurde er 1674. Er war verheiratet mit Margarethe Elisabeth Goette, Tochter des Jacob Goette zu Helmscheid.

2. Der Pfarrer Johann Henrich Linnekogel (* 1662 in Berndorf; 01.05.1712), Sohn von Nr. 1, wurde 1698/99 Eigentümer des Grundstücks. Er heiratete am 6. Februar 1693 in Berndorf Maria Christiane Nelle (* 24.10.1671 in Mühlhausen; begr. 31.05.1714), Tochter des Pfarrers Henrich Nelle in Mühlhausen und der Anna Margarethe Wolff. Das Paar hatte wenigstens zwei Kinder: Nr. 3 und Anna Marie Linnekogel, die die zweite Ehefrau des Lehrers Franz Müller (Bunsenstraße 9) wurde.

3. Durch Eheschließung erwarb im Jahr 1717 der Notar Dietrich Conrad Goette (* um 1686; begr. 22.01.1736) das Gebäude, indem er sich am 30. Oktober 1715 mit Maria Catharina Linnekogel (* 15.07.1696 in Berndorf; gebr. 28.06.1731) vermählte, Tochter von Nr. 2. Eine zweite Ehe ging er am 15. April 1732 mit Anna Luciana Wagner ein. Sie heiratete in zweiter Ehe am 17. August 1745 den Stadtrezeptor Henrich Daniel Leonhard (Kirchstraße 11).

4. Erst 1760 werden neue Eigentümer eingetragen. Das Anwesen geht zur Hälfte an die Erben des Dietrich Conrad Goette und zur anderen Hälfte an den Rentmeister zu Flechtdorf, Hermann Christoph Lambrecht (* 23.12.1698 in Uslar; 11.11.1723 in Flechtdorf), Sohn des Amtmanns Hermann Nicolaus Lambrecht zu Mengeringhausen. Er heiratete am 23. September 1727 in Mühlhausen Philippine Dülfer (*19.12.1703 in Mengeringhausen; 03.02.1774 in Flechtdorf), Tochter des Pfarrers zu Mühlhausen Johann Georg Dülfer und der Clara Elisabeth Wüsten.

5. Im Jahr 1764 erwarb das Grundstück zunächst zur Hälfte, 1775 sodann das ganze Anwesen der Bäcker Johann Bernhard Philipp Thomas Goette (* um 1715 in Lengefeld; begr. 03.02.1788, 72 Jahre), [2] Sohn des Dorfrichters Johann Wilhelm Goette aus Lengefeld. Verheiratet war er mit Margarethe Elisabeth Leinenkogel (* um 1733; 18.02.1803).

6. 1787 erwarb das Haus zur Hälfte, im Jahr 1804 schließlich zum ganzen Eigentum der Lohgerber und Polizeiinspektor Franz Wilhelm Goette (~ 04.08.1765; 24.04.1829 [Auszehrung]). Er war der einzige Sohn von Nr. 5. Am 12. Mai 1786 vermählte er sich mit Marie Christiane Philippine Müller (~ 24.09.1753; 22.01.1815 [Schwindsucht]), Tochter des Hutmachers Elias Müller und der Elisabeth Anna Catharina Embde. 1787 erwarb er die Bürgerrechte. Er wird auch als Ratsrentmeister genannt. Eine zweite Ehe ging er am 30. Juni 1815 mit Catharina Maria Volmer (* 22.08.1784; 02.01.1833) ein. Sie war die älteste Tochter des Schuhmachermeisters Johann Georg Volmer und der Charlotte Elisabeth Müller.

7. 1831 wurde der Metzgermeister Christian Friedrich Wilhelm Huge (* 16.06.1780; 18.11.1863) neuer Eigentümer. Er war der jüngste Sohn des Ratsrentmeisters und Metzgermeisters Josias Friedrich Huge und der Christiane Catharina Limpert. Er erwarb 1804 die Bürgerrechte und war in den Jahren 1808/1809 Dechant der Metzgerinnung. Am 4. November 1821 heiratete er Henriette Christiane Elisabeth Goette (* 28.12.1794; 24.10.1855), jüngste Tochter des Gastwirts und Bäckermeisters Christian Ludwig Goette (Lengefelder Straße 3) und der Christiane Marie Goette. [3]

8. 1859 erhielt der Metzgermeister Heinrich Friedrich Ludwig Huge (* 25.04.1823; 24.06.1887) das Haus von seinem Vater (Nr. 7). Er heiratete am 6. Dezember 1857 Elise Catharine Louise Pohlmann (* 18.09.1828; 22.01.1891), Tochter des Schneidermeisters Ernst Anton Friedrich Pohlmann und der Henriette Christiane Striebeling. Aus der Ehe gingen mindestens zwei Kinder hervor:

a) Wilhelm Huge (* ?; 06.03.1911), Metzger und Fleischbeschauer. Er blieb unverheiratet. Mit ihm erlosch im Mannesstamm die seit 1622 in Korbach ansässige Familie Huge (vgl. Professor-Kümmell-Straße 9).
b) Hermine Henriette Luise Caroline Huge (unten Nr. 9).

9. Durch Heirat erwarb 1885 der Landwirt und Metzgermeister Carl Friedrich Wilhelm Tent (* 08.10.1851; 30.01.1890) das Haus, indem er am 4. Januar 1885 Hermine Henriette Luise Caroline Huge (* 23.10.1860; 10.03.1912) heiratete, Tochter von Nr. 8. Er war der Sohn des Metzgermeisters Carl Friedrich Adolph Tent (* 26.11.1811; ?) und dessen zweiter Ehefrau Georgine Johannette Louise Friedrike Meuser (* 10.06.1827 in Mengeringhausen; ?) [4] . Wilhelm Tent und seine Nachkommen führten nach dem Namen dem Geburtsnamen der Ehefrau den Beinamen Hugen-Tent.

10. 1912 erbte der Landwirt Wilhelm Tent (* 12.11.1885; 22.06.1957) das Gebäude. Er war der Sohn von Nr. 9. Am 25. Januar 1913 vermählte er sich in Bergheim mit Wilhelmine Henrich (* 09.02.1891 in Giflitz; 27.09.1954), Tochter des Karl Henrich und der Catharina Mann, beide in Giflitz).

11. 1957 ging das Anwesen auf die beiden Töchter von Nr. 10 über:

a) Hermine Tent (* 29.03.1915; 30.06.1980) Sie heiratete am 18. März 1939 den Polizeibeamten Karl Dietrich Wilhelm Scholz (* 04.06.1911 in Dortmund; 24.12.1991), Sohn des Baumeisters Karl Scholz aus Dortmund und der Marie Schüttler aus Münster.
b) Erna Tent (* 30.12.1919; 26.04.2002), ledig.

12. 1965 erwarb die Fa. Mertin & Co. das Gebäude, bestehen aus den Gesellschaftern:

a) Arno Mertin (* 01.04.1913 in Görlitz; 24.04.1973), Kaufmann. Er heiratete am 9. Februar 1939 in Görlitz Luise-Charlotte Müller (* 30.03.1911 in Wustershausen; ?)
b) Gerhard Schauer (* 19.06.1927 in Lodz/Polen; 07.02.1997), Kaufmann. Sohn des Otto Schauer und der Martha Rohrbach. Er heiratete am 3. Juni 1950 in Potsdam Waltraud Frenzel (* 05.06.1931 in Schwiebus/Brandenburg; 18.12.2017 [5] ), Tochter des Ewald Frenzel und der Else Meier aus Schwiebus.

13. 1974 wurde Gerhard Schauer (s.o., Ziff. 12) Alleineigentümer.

14. 1995 erwarb ein aus Vietnam stammender Gastwirt das Anwesen, der das Erdgeschoß zu einem modernen Restaurant umbauen ließ und eine Fassadenerneuerung vornahm. Seit dieser Zeit befindet sich bis heute dort das China-Restaurant "Shang Hai". [6]

Erscheinungsbild

Aus dem Güterverzeichnis von 1757 geht hervor, dass das Haus das Brau- und Pfirchrecht [7] besaß.

Im Brandkastenregister von 1784 ist das Haus unter Nr. 234 wie folgt ausgeführt:

"Wohnhaus und Stall aus Holz, 61 x 36 Fuß, Brandkassenwert 300 Taler."

Im Jahr 1939 wurde das Gebäude wie folgt beschrieben:

"Wohnhaus. Dreigeschossig. Fachwerk auf Bruchsteinsockel. Zweites Obergeschoß auf Giebel vorgekragt. Quergebälksprofil Karnies mit Platte. 9 x 12 Gefache. Eckpfosten und ehemalige Türpfosten mit Beschlagwerk-Ornament. Satteldach mit Zwerchhaus in S-Pfannen in Schiefereinfassung. Um 1700." [8]

Ein Balken an der Straßenfront trägt folgende Inschrift:

"1674 Juvenalis mane incendit. Benedictus limina et fastigia posuit."
(Ein Jugendlicher hat [das Haus] eines Morgens angesteckt. Ein hochangesehener Mann [Pfarrer] hat Schwellen und Giebel wieder errichtet).

THOMAS/WILKE/GERLACH (wie Anm. 1) geben an, es sei nicht bekannt, wann der Brand entstanden sei. Die Jahreszahl "1674" wurde demnach offenbar erst später angebracht oder restauriert.

Im Jahr 1958 ließen die Eigentümer, die Schwestern Hermine Scholz und Erna Tent, die rückwärtige Seite des Hauses instand setzen. Von der Stadt Korbach wurde eine Grenzmauer zum Obermarkt hin errichtet. 1963 erfolge der Anbau eines Stalles und einer Garage an der Rückfront. 1965 verkauften die Besitzer das Anwesen an den Kaufmann Gerhard Schauer. Zwischen 1967 und 1970 wurden Um- und Anbauten im Erdgeschoß für das Ladengeschäft vorgenommen. 1971 erfolgte die Aufstockung des Anbaus mit einer umfassenden Sanierung des Hauses. 1996 hat der derzeitige Eigentümer die Fassade erneuert und im Erdgeschoß ein modernes Restaurant einrichten lassen.

Bilder

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Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS/Karl WILKE/Lothar GERLACH (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 3, Kirchstrasse - Unterstrasse - Nikolaistrasse - Oberstrasse - In der Pforte - Brauberg - Ketzerbach - Ascher - Mauergasse, 2. Auflage, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 2003, S. 77-79. Alle folgenden Daten, soweit nicht anders vermerkt, nach THOMAS (wie Anm. 1). Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben.
[2] Bei Eckhard SCHMIDT (Bearb.), Waldecksche Ortssippenbücher, Band 21, Lengefeld, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1980, S. 136, Nr. 205a, ist Thomas Goette nicht unter den Kindern des Richters Wilhelm Goette aufgeführt. Wilhelm Goette war verheiratet mit Anna Catharina Schumacher aus Korbach, Tochter des Peter Conrad Schumacher und der Anna Margarethe Leusmann; vgl. Martin RUDOLPH (Bearb.), Korbacher Bürgerfamilien - Die Nachkommen des Korbacher Bürgermeisters Curt Schumacher, 1585-1660, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1976, S. 31, 63.
[3] Bei Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 4, Lengefelder Straße - Schulstraße - Im Sack - Am Tylenturm, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1959, S. 7-11 (Lengefelder Straße 3) wird als Frau des Christian Ludwig Goette eine Friederike Caroline Christiane Hartwig (~ 06.08.1762; 20.07.1817) genannt. Es ist unklar, ob Personenidentität besteht und lediglich die Vornamen unvollständig wiedergegeben wurden oder ob Christian Ludwig Goette mehrere Ehenfrauen hatte.
[4] Herbert VOIGT/Christian MEUSER (Bearb.), Waldeckische Ortssippenbücher, Band 89, Mengeringhausen, Waldeckischer Geschichtsvereins e.V. (Hrsg.), Bad Arolsen 2014, S. 375, Nr. 4946; S. 564, Nr. 7463.
[5] Traueranzeige in der Waldeckischen Landeszeitung, Ausgabe vom 30.12.2017; Online-Ausgabe.
[6] Seite bei Facebook (Stand: 2. Juni 2018).
[7] Das Pfirchrecht, auch Pferchrecht oder Hordenschlag genannt, bezeichnet einerseits das Recht eines Grundstückseigentümers, seine Schafherde auf fremden Grund weiden zu lassen, als auch das Recht eines Grundstückseigentümers, von einem Schafherdenbesitzer zu verlangen, dass dessen Schafe zum Zwecke der Düngung des Grundstücks auf diesem eingepfercht werden, um dort Kot und Urin zu hinterlassen.
[8] Wolfgang MEDDING (Bearb.) in: Friedrich BLEIBAUM (Hrsg.), Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Neue Folge, Dritter Band, Kreis des Eisenberges, Kassel 1939, S. 139. Bei THOMAS/WILKE/GERLACH (wie Anm. 1) teilweise unrichtig zitiert.