Kirchstraße 8 (Korbach)

Das Haus Kirchstraße 8 (ganz rechts). Um 1940?
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Das Haus Nr. 8 in der Kirchstraße ist ein 1968/69 erbautes Wohn- und Geschäftshaus in der Altstadt von Korbach [1] Der Vorgängerbau, ein um 1680 von dem Bäckermeister Johannes Hartwig und seiner Frau Eva Gertrud Geldmacher errichtetes Fachwerkhaus, wurde 1968 abgerissen.

Geschichte

1. Erster bekannter Eigentümer war um 1680 der Bäckermeister Johann Daniel Hartwig (* 12.03.1651; begr 03.11.1724), Sohn des Kaufmanns und Bäckermeisters Johannes Hartwig (Bürger 1625). Johannes Hartwig jun. erwarb 1675 die Bürgerrechte und heiratete am 12. Mai desselben Jahres Eva Gertrud Geldmacher (* um 1650 in Immighausen; begr. 16.12.1718), Tochter des Johannes Geldmacher in Immighausen. Aus der Ehe gingen mindestens zwei Kinder hervor: Anna Catharina Hartwig (Nr. 2) und Catharina Elisabeth Hartwig (Kirchstraße 1a, früher Nr. 2).

2. 1721 wurde Melchior Georg Naß neuer Eigentümer des Hauses, indem er am 4. Juni 1720 Anna Catharina Hartwig (~ 20.04.1685; begr. 27.04.1757) heiratete, Tochter von Nr. 1. Naß war Teehändler und stammte aus Thamsbrück in Thüringen. Er erwarb 1720 die Korbacher Bürgerechte. Sein Todestag ist in Korbach jedoch nicht vermerkt.

3. Im Jahr 1743 erwarb der Lehrer Josias Müller (~ 02.04.1704; begr. 09.06.1764) das Haus. Er war der Sohn des Lehrers am Gymnasium Franz Müller (Möller) und der Maria Margarethe Scriba, sowie Enkel des Tuchhändlers Johannes Müller (Marktplatz 6). Am 19. November 1743 vermählte er sich mit Dorothea Juliana Contze (~ 06.03.1719; begr. 04.01.1756), Tochter des Bürgermeisters und Apothekers Henrich Contze (siehe: Stechbahn Kriegerdenkmal) und der Juliana Catharina Stockhausen. Über Josias Müller heißt es im Kirchenbuch der Neustadt: "Wohlverdienter gewesener Subconrector am hiesigen Gymnasium, der nach fast an die 30 Jahre vollendeten Schularbeit durch einen Schlagfuß getötet, ist er des Abends vor dem Pfingstfest unter einigem Geleit und mit Fackeln beerdigt."

Josias Müller hatte von 1712 bis 1723 das Korbacher Gymnasium besucht und studierte ab 1723 Theologie in Jena. [2] Dorthin reiste er zu Fuß mit Christoph Engelhard und Johann Heinrich Schotte. Ab 1731 war er als Lehrer am Gymnasium in Korbach tätig, bis 1734 zunächst als Nachfolger seines Vaters in der Septima, 1735 bis 1738 als Lehrer der Sexta, 1738 bis 1746 als Lehrer der Quinta und 1746 bis 1764 als Subkonrektor. 1753 erwarb er die Korbacher Bürgerrechte. Aus der Ehe mit Dorothe Juline Contze gingen fünf Kinder hervor:

a) Johanne Dorothea Juliane Müller (* 08.12.1744; ?)
b) Johann Christian Müller (~ 24.05.1746; 25.05.1746), Zwilling
c) Johann Friedrich Müller (~ 24.05.1746; 25.05.1746), Zwilling
d) Johann Friedrich Adolf Müller (~ 30.11.1750; ?)
e) Johann Heinrich Christian Müller (~ 06.05.1753; ?). Er wird 1772 als Student in Gießen genannt, war 1784 Leutnant in englisch Diensten und wurde 1819 für verschollen erklärt.

4. 1765 kaufte der Kaufmann Friedrich Adolf Engelhard (~ 29.07.1728; begr. 23.02.1794) das Anwesen. Er war der Sohn des Henricus Engelhard (Oberstraße 4) und der Maria Catharina Limpert. Er erwarb 1763 die Bürgerrechte, war 1784 Ratsmitglied und von 1785 bis 1789 Pfennigmeister. Am 1. Dezember 1762 heiratete er Juliane Catharina Leie (~ 13.11.1743; begr. 28.01.1776), einzige Tochter des Schreinermeisters Zacharias Leie (Kirchstraße 4) und der Agnetha Asmuth. Eine zweite Ehe ging er am 21. Mai 1776 mit Anna Eleonore Huge (* 18.12.1757; 28.12.1805) ein, Tochter des Henrich Wilhelm Huge (Kirchstraße 18) und der Anna Christiane Juliane Hartwig.

Erscheinungsbild

Aus dem Jahr 1939 stammt die folgende Beschreibung: [2]

"Wohnhaus. Zweigeschossig. Fachwerk auf Werksteinsockel. Obergeschoß und drei Giebelgeschosse vorgekragt. Quergebälkprofil Hohlkehle und Wulst. 9x9 Gefache. Satteldach mit S-Pfannen. Giebelseite zur Straße. Haustür mit geschnitzten Pfosten mit ionischen Kapitellen. Daran die nebenstehenden Hausmarken: [Zeichnungen] Am Quergebälk Inschriften in Kapitale. Am unteren Gebälk: "ORA ET LABORA. COETERA DEO COMMENDA". Am oberen Gebälk: "QUID QUID AGIS PRUDENTER AGAS RESPICE FINEM". 18. Jh."

Die Inschriften bedeuteten: "Bete und arbeite. Das übrige vertraue Gott an." und "Was immer Du tust, handele klug und bedenke das Ende."

Der Abriß des Hauses wurde stark kritisiert. [3] Der Magistrat rechtfertigte den Abbruch mit der schlechten Bausubstanz, die für Bewohner und Passanten Lebensgefahr bedeutet habe. Der Landeskonservator und der Magistrat hätten dem Abriß "nur schweren Herzens" zustimmen können. [4]

Bilder

Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS/Karl WILKE/Lothar GERLACH (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 3, Kirchstrasse - Unterstrasse - Nikolaistrasse - Oberstrasse - In der Pforte - Brauberg - Ketzerbach - Ascher - Mauergasse, 2. Auflage, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 2003, S. 52-55. Alle folgenden Daten, soweit nicht anders vermerkt, nach THOMAS/WILKE. Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben.
[2] Diese und alle folgenden Angaben über Josias Müller nach: Hilmar-G. STOECKER, Die Lehrer des Gymnasiums zu Korbach (1579-1900), Geschichtsblätter für Waldeck, 65. Band (1976), S. 5- 102 [51].
[3] Wolfgang MEDDING (Bearb.) in: Friedrich BLEIBAUM (Hrsg.), Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Neue Folge, Dritter Band, Kreis des Eisenberges, Kassel 1939, S. 139.
[4] Vgl. Kurt DITTMANN, Laudatio für Bernd Sturm, in: Klosterglöckchen - Nachrichten des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 37. Jahrgang, Nr. 2, Juli 1970, S. 2-4 [3], der die Verantwortlichen der Stadt als "Banausen" bezeichnete und ihnen "bösartiges Zerstörungswerk" vorwarf (auch im Zusammenhang mit anderen Abbruchmaßnahmen, z.B. wegen des Hauses Professor-Kümmell-Straße 15).
[5] Entgegnung des Korbacher Magistrats, in: Klosterglöckchen - Nachrichten des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 37. Jahrgang, Nr. 4, Dezember 1970, S. 4-5 [5].