St. Kilian / Kilianskirche (Korbach)

Die Kilianskirche von Süden im Juni 2015.
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Die Kirche St. Kilian zu Korbach, zumeist einfach Kilianskirche genannt, ist ein evangelisches Gotteshaus, das von 1325 oder 1335 bis 1450 im Stil der Gotik über einen romanischen Vorgängerbau errichtet worden ist. [1] Sie steht in der alten Stadt von Korbach auf dem altstädter Kirchhof. Sie ist eines der Wahrzeichen der Stadt und deren größter Sakralbau. Der Westturm der Kirche gehörte zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung im Jahr 1392 mit über 90 Metern Höhe zu den höchsten Kirchtürmen der Welt. [2]

Geschichte

Die erste Kirche

Der altstädter Kirchhof mit dem Mönchehof gilt als Keimzelle und ältestes Siedlungsgebiet der Stadt. Schon vor der Errichtung der gotischen St. Kilianskirche hat an ihrer Stelle ein älterer romanischer Bau gestanden. Über diesen lagen jedoch bis 2010 keine schriftlichen oder archäologischen Nachweise vor. Erst im Rahmen einer Ausgrabung, die anläßlich eines Umbaus des Innenraums im Jahr 2010 möglich wurde, konnten die Mauerfundamente mehrerer romanischer Vorgängerbauten nachgewiesen werden. [3] Der Name des Patronatsheiligen könnte auf eine karolingische Gründung hindeuten, da Korbach nur in den Jahren 777 bis 800 dem Bistum Würzburg angehörte, dessen Patron St. Kilian ist. [4] Eine Kirche aus dem achten oder neunten Jahrhundert läßt sich als Vorgängerbau jedoch nicht nachweisen. Erst 1142 wird urkundlich erstmalig eine Kirche genannt. 1228 werden ein Pfarrer Konrad und sein Gehilfe Hildebrand urkundlich erwähnt. [5] 1231 ist Korbach Sitz eines Vizearchidiakonats des Archidiakonats Horhusen (Niedermarsberg). Mit dem Aufblühen der Stadt im 14. Jahrhundert mag die ältere Kirche den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung und deren Selbstverständnis nicht mehr genügt haben. Über die Einzelheiten der Entschlußfassung zum Bau der neuen Kirche und deren Planung sind keine schriftlichen Nachrichten überliefert.

Errichtung der gotischen Kirche

Die Pläne zum Kirchbau sind ebensowenig erhalten wie die Namen der Baumeister nicht überliefert sind. [6] In den südöstlichen Strebepfeiler des Chores wurde die Jahreszahl 1335 eingemeißelt (ANNO DOMINI M°CCC°XXXV). Es wird angenommen, daß das Datum entweder den Beginn der Chorerrichtung oder dessen Vollendung bezeichnet. [7] Für die zweite Variante spricht, daß üblicherweise das Jahr der Vollendung eines Bauabschnitts dokumentiert wird. [8] Zudem wurde nach schriftlicher Überlieferung mit dem Bau des Chores bereits 1325 begonnen. [9] Ferner befindet sich die Inschrift in ca. 3 Meter Höhe und kann somit nicht zu Beginn der Bauarbeiten ausgeführt worden sein, welche mit der Vermessung, der Ausschachtung, der Fundamentlegung und der Aufmauerung der Chormauer begonnen haben müssen, mithin bereits mehrere Jahre angedauert haben werden, bevor die Inschrift in dieser Höhe angebracht werden konnte. Nur wenig später errichtete man das Untergeschoß des Westturmes. Der Turm wurde 1392 vollendet. [10] Sein Baumeister war zuletzt Kurt Boles aus Köln, Zimmerleute des Dachhelmes waren Meister Christian und Johann Fromeknecht, jeweils mit ihren Gehilfen; am Turmhelm haben die Zimmerleute 239 Tage gearbeitet. [11]

CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6, S. 19-21) geben die Rechnung über den Turmbau wie folgt wieder:

"Es wird nicht unpassend sein, hier die Hauptangaben der Urkunde, der in derselben befolgten Reihenfolge nach, kurz aufzuzählen. Wir hoffen für den Einen oder Andern unserer Leser das Verständnis derselben, die wir im Originale mitzutheilen uns nicht versagen können, zu erleichtern. Es kostete das Holz zu den Latten für die ganze Spitze mehr als 98 Mark, ohne Fuhren, Arbeitsleute und was dazu gegeben wurde. Für Eisen zu dem Kreuz, zu Bändern, Klammern, 890 (?) Nägeln, von denen das Hundert 4 Solidi kostete, wurden 32 Mark und 8 Solidi verausgabt. Blei wurde für 206 Gulden gekauft, das Pfund für 3 Gulden, das Kupfer zu dem Hahn 44 Pfund, für die Vergoldung des Knopfs und Hahns wurden 48 ungr. Gulden ausgegeben, das Gold dazu für 33 Gulden angekauft. Das Kreuz war 13 Fuß lang, die Schmiedekosten, ohne Eisen und Kohlen, betrugen 3 Mark. Das Stein- und Holwerk am Thurm enthielt von der Erde bis zum Kreuze an Länge 317 Fuß, das Steinwerk bis an das Gesimse 156 Fuß. Die Zimmerleute haben am Thurme 239 Tage gearbeitet; es wurden diesen und ihren Knechten mit dem Traggeld täglich 9 Sol. 4 Pf., in Summa 370 Gulden ausgezahlt. Meister Christian und seine Knechte, so wie Johann Fromeknecht und sein Knecht bekamen täglich 16 Pf. Lohn; Benn und Duppen, Jeder 8 Pf., Johann Typel ohne die 4 Knechte, die auftrugen, 9 Pf. Die Zimmerleute, welche in 132 Tagen die Dielen zuschnitten, bekamen 16 Pf. Lohn. Dem Meister Christian aber wurden, nachdem Alles fertig war, 6 Gulden zu Kleidern und Jedem von der Stadt 1 Pfennig zum Geschenk gemacht. Man verbrauchte 12.000 Lattennägel, das Tausend zu 9 Groschen, 98.000 Decknägel, das Tausend zu 3 Groschen und 34.000 Bortnägel zu 5 Groschen. Die erste "Lehne", die um den Thurm geht, kostete an Steinen, die zu Cülte gebrochen sind, mit Bezahlung für deren Fahren, Hauen und Setzen, an Blei und Klammern wol 100 Mark; das Setzen der Steine geschah durch Curt Boles Knechte von Cöln und kostete 19 Gulden. Von der "Feste" bis an die Giebel betrug die Länge des Thurmes 36 und von der Giebel bis an die Spitze, wo das Kreuz angeht, 125 Fuß. Das Seil an der großen Glocke war 67 Fuß lang. Im Ganzen betrug die Ausgabe 704 Mark."

Die Erneuerung des Kirchenschiffs ist noch vor Vollendung des Turmes, nämlich um 1388 begonnen worden. Zuerst wurden die Nordseite und die Schiffspfeiler im Inneren errichtet. Um 1420 wurde die reichere Südwand als Haupt- und Schaufassade begonnen und mit einem figurenreichen Portal geschmückt. Am südöstlichen Strebepfeiler des Langhauses findet sich ein Stein mit der Inschrift: [12]

♦ Anno ♦ domini ♦
mille° ♦ cccc° ♦ xx° ♦

Sodann wurde das Langhaus eingewölbt. Die Errichtung des Langhauses erfolgte mithin erst nach Fertigstellung von Chor und Turm. Dies spricht dafür, daß der Vorgängerbau während der Bauarbeiten noch erhalten blieb und erst mit Errichtung des Langhauses abgetragen wurde. [13] Die Fertigstellung der gesamten Kirche erfolgte im Jahre 1450. Der westliche Gewölbeschlußstein des Mittelschiffs trug früher die Inschrift in gotischen Minuskeln: "sub anno domini millesimo cccc° quinquagesimo hoc opus completum" (Im Jahr des Herrn 1450 wurde dieses Werk vollendet).

Schon 1529 brannte der Turmhelm zum ersten Mal infolge Blitzschlags ab. Er wurde 1530 durch den Meister Zacharias auf der Stechbahn erneuert. Im Korbacher Stadtbuch findet sich zu diesem Ereignis der folgende Eintrag: [14]

"Anno domini mellesimo quingentesimo vicesimo nono bie zieden Johann Hesporn burgermeister, Ditmar Heller, Hermann Heinmanß, Tonieß Hoppen etc. am Pinxtabend hait sich die alden kirchthorne von sich selbst von helschem fheure entphenget und oben in deme knope, daß doch wol ungelofflich sein solle, angefangen. Die knop an zwen stucken daraff gevallen und also die torne bie nach an die schriefenster gebrant, wilch torne dann anno domini etc. 30 bie zieden Johann Schotten burgermeister, Johann Bruen, Johan Schotteler, Hermann Bodeker etc. wiederumb durch Zachariesen uff der stekebane wonhafftig gespieret und gelattet."

Der Korbacher Chronist Philip Knipschildt faßt diesen Stadtbucheintrag wie folgt zusammen: [15]

"Anno 1529. am PfingstAbendt ist der Knopff des Thurns der AltStädter PfarKirchen S. Kiliani zu Corbach vom Wetter angezündet worden, zerschmolzen, und an zwey Theilen herunter auff die Erden gefallen; und ist der Thurn abgebrandt biß an die oberste Fenster, und des folgenden Jahrs 1530. wieder erbawet worden."

Blick durch die Entengasse zur Kilianskirche.
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Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Turmhelm am 15. Juni 1581. Im Stadtbuch, S. 185, findet sich der folgende Eintrag: [16]

"Anno domini 1581 am Tage Viti martyris zu abendt umb 6 uhre hat sich ein groß ungewitter erhoben, welchs sich erstmahls mit einem sittigen regen angefangen, der je mehr und mehr hefftiger undt stercker worden, auch darunter schloßen [Hagel] gefallen, undt seindt darauff drei erschrecklicher gewaltiger donnerschlege, dardurch der erdtbodem erzittert, dergleichen auch in kurtzen jahren nicht erhöret worden, geschehen, und es dermassen geregnet, das das wasser in den gassen fliessendt an allen örten woll möllen treiben können, in welchem wetter der Altenstedter kirchthorn vom fewr sich umb 10 uhr entzundet undt vom 10 biß um 12 uhren oben herab an die 60 fußlangk in schneller eil abgebrandt, undt große fewr brende und kolen als schneheplocken herab, erst nach dem Dalwig- undt nachfolgens gegen den Enser thore und furter zur rechten handt herumb uff die heuser und bawe gefallen, auch Chunradten Kortheußen scheune vom fewr angangen, und man in so grosser gefahr gestanden, das, wo es der gnedige, gutige gott durch angedeuten vorhergehenden grossen regen und sonsten sein göttliche gnadt undt barmhertzigkeit nicht verhütet undt gnedig abgewendet hette, vast die gantze altenstadt abgebrandt wehre. Der allmechtige gnedige unnd gutige gott wölle uns nunhinfurter vor solcher fewrs noth und gefahr vätterlich behuten undt bewaren." >

Knipschildt übernimmt diesen Stadtbucheintrag fast wortgleich: [17]

"Anno 1581. an S. Viti Tag hat sich zu Corbach ein groß Ungewitter erhoben, welches erstens mit einem gelinden Regen angefangen, so hernach so starck worden und mit Schlossen [Hagel] vermischet gewesen, daß das Wasser in allen Gassen wohl hätte Mühlen treiben können. Seynd auch drey erschreckliche, gewaltige DonnerSchlege geschehen, dardurch der ErdtBoden erzittert, und der Thurn der AltStädter PfarKirchen zu Corbach umb zehen Uhr in der Nacht angezündet, in zwo Studen eilendts an die sechzig Schuh herunter verbrandt, und grosse Fewrbrände und Kohlen hin und wieder auff die Häuser gefallen, auch Conrad Kortheus Scheure vom Fewr angangen, also, daß man grosser Gefahr gestanden, und, wo es Gott durch vorgangenen grossen Regen und sonsten nicht verhütet und abgewendet hätte, fast die ganze Alten Stadt abgebrandt wäre."

Das Bürgerbuch gibt folgende Darstellung des Vorfalls: [18]

"Zuwissen, daß im jahr nach der geburt unsers hern undt heilandts Jesu Christi funffzehnhundert achtzigk und einß uff den tagk Viti martyris, war der 15 monatz tagk Junii jegen die nacht umb 9 uhr, daß wetter in den Altenstedter kirchthorn hier zu Cörbach eingeschlagen undt derselb sich oben unter dem knopf vom fewr enttzundet undt in die vierdte stund von obenherab biß uff die schreiefenster abgebrandt, aber doch mit gottes hulff undt gnadt gelescht worden, das es gott lob undt danck in der stadt keinen weitern schaden gethan. Solcher thorn ist im folgenden 82sten jahre, bei zeit burgermeister Ditmar Munchs, pfennigmeisters Frantz Ackerchurtz und Johans Titmerckhausen des jungern als verordenter vorsteher der altenstedter pfarrkirchen durch meister Frantz Lamprachten, Hermann Susebick und Heintzen von Eiffe, zimmerleute und burgere hier zu Cörbach, widdergemacht, gesperret undt gelattet undt am 12ten May kreutz undt wetterhane von Herman Susebicken uffgesetzt worden. Der allmechtige, gnedige undt gutige gott wölle uns dießen brandt ein hertzlich warnung sein lassen undt gnade verliehen, daß wir zur buß undt beßerung unsers sundthafftigen lebens schreiten und solches noch dergleichen schadens wir undt unsere nachkommen nimmermehr erleben mögen. Das bitten wir den barmhertzigen gutigen gott umb Jesu Christi seins lieben sohns undt unsers herrn willen. Amen."

Der Turmhelm wurde im folgenden Jahr durch die Zimmermeister Franz Lamprecht und Heinze von Eiffe neu errichtet.

Abermals erfolgte die Zerstörung des Turmhelms durch Blitzschlag am 29. April 1685 zwischen 18.00 und 19.00 Uhr, durch den auch das gesamte Dach des Langhauses einschließlich der Bedachungen der Seitenschiffen niederbrannte, so daß von der Kirche nur noch das Mauerwerk stand. [19] Die Funken flogen bis zum Siechenhaus vor dem Dalwigker Tor; außer den Kirchendächern brannten eine neben der Kirche stehende Scheune ganz und ein kleines Wohnhaus halb ab. [20] Bis 1709 wurde an die Stelle des spitzen Helms die gegenwärtige achteckige "Welsche Haube" durch den Zimmermeister Ernst Reineken aus Lüdge geschaffen. Die Überdachung des Langhauses wurde neu gestaltet, indem alle drei Schiffe mit einem einzigen Dach überspannt wurden.

Am Sonntag, den 5. August 1810, morgens um 11.00 Uhr, während der Gottesdienst in der Nikolaikirche gehalten wurde, stürzte ein Teil des Gewölbes im nördlichen Seitenschiff ein. Die Kirche wurde einige Monate geschlossen. Nachdem ein Bausachverständigengutachten ergeben hatte, daß keine weitere Gefahr drohte, wurde die Kirche wieder geöffnet. Nachdem sich im Laufe der Jahre jedoch neue Risse gebildet hatte, erging am 7. Juli 1827 die Anordnung, die Kirche wegen Baufälligkeit zu schließen. Grund für die Rißbildungen war die Ausweichung der Nordmauer, welche vom Fundament bis zum Gesims 17,75 Zoll betrug. Ursache waren im wesentlichen die Ende des 17. Jahrhunderts geschaffene neue Dachkonstruktion sowie die nicht hinreichend gegründeten Strebepfeiler an der Nordwand des Langhauses. [20a] Am 1. November 1830, gegen 14.00 Uhr, fiel erneut ein Teil des Gewölbes des nördlichen Seitenschiffes herab. Insgesamt drei Sachverständigengutachten wurden eingeholt, die die Kosten der Wiederherstellung zwischen 1.390 und 5.128 Reichstaler ansetzten. Nachdem der Magistrat der Stadt im Jahr 1835 einen Zuschuß aus der Stadtkasse in Höhe von 2.000 Reichstalern zugesagt hatte, konnten private Initiativen hinreichende Spenden für die Renovierungsarbeiten zusammentragen. Der für diesen Zweck begründete "Bauverein für die Wiederherstellung der Kirche St. Kilian" beauftragte den Großherzoglich-Hessischen Oberbaurath Moller aus Darmstadt mit einem weiteren Gutachten und der Entwicklung eines Bauplans für die Durchführung der Arbeiten. [20b]

Am 10. Juni 2014 begannen Sanierungsarbeiten am Turmhelm. Ein Schadensgutachten hatte bereits 2010 offen gelegt, daß viele Balken innerhalb des Turmhelms morsch waren und die Schieferbedachung teilweise ausgewechselt werden mußte. Während der 10 Monate dauernden Arbeiten wurden morsche und faulige Balken ersetzt sowie 63 Knotenpunkte der Holzkonstruktion überprüft. Ferner wurden neue Leitern eingezogen, um die einzelnen Ebenen des Turmhelms besser erreichen zu können. Die Arbeiten fanden im April 2015 ihren Abschluß. [21]

Im Mai 2015 untersuchten Wissenschaftler der Universität Frankfurt/Main im Rahmen des Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Mittelalterliche Retabeln in Hessen" infrarottechnisch die Altarbilder der Kilianskirche und der Nikolaikirche. Die Bilder werden dem sogenannten Franziskanermaler, einem namentlich nicht bekannten Mönch aus dem Korbacher Franziskanerkloster, zugeschrieben. [22]

Am Abend des 5. Juli 2015 gegen 19.30 Uhr wurde der Turm erneut während eines schweren Gewitters beschädigt. Vermutlich infolge Blitzschlags oder aufgrund des orkanartigen Windes (Fallböe/Downburst) stürzte die nach Südwesten gerichtete Fiale am Turmumgang in die Tiefe, beschädigte die Dächer des Kirchenschiffs und der Marienkapelle, riß die dortige Regenrinne mit und blieb in mehrere Teile zerbrochen auf dem Weg zwischen der Kirche und den Häusern Kirchplatz 2/Stechbahn 13a liegen. Verletzt wurde niemand. Im September und Oktober 2015 erfolgte die Reparatur der Dächer. Nach dem ursprünglichen Zeitplan sollte die zerstörte Fiale bereits im Frühjahr 2016 ersetzt und auch die anderen drei Fialen gefestigt werden. Hierzu kam es jedoch vorerst nicht. Bislang (Stand: Juni 2017) sind die zerstörte Fiale noch immer nicht ersetzt und die übrigen Fialen nur provisorisch mit Stützbalken gesichert. Die rund drei Meter hohe Fiale wird aus hellem Sandstein aus Obernkirchen gefertigt und wird rund eine Tonne wiegen. Die Kosten der Reparaturen werden rund 70.000,- Euro betragen. [23] Bei der zerstörten Fiale handelte es sich indes nicht um ein mittelalterliches Original, sondern eine im Rahmen der Turmsanierung von 1896 geschaffene Nachbildung; an der südöstlichen Fiale findet sich die Inschrift: "Errichtet am 2. September 1896". [23a]

Architektur

Die Kilianskirche, deren Fundamente auf rund 380 m ü. NHN stehen, ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche von drei Jochen mit herausspringendem Westturm und einjochigem, polygonal abschließendem Ostchor. Der Chor besteht aus einem Vorjoch und dem Chorhaupt mit 5/8-Schluß. Das Langhaus besteht aus drei Schiffen zu je drei Jochen. Der westfälische Bautyp hat Anklänge an die Wiesenkirche in Soest. [24] Als Vorbild kann die Wiesenkirche allerdings nicht gedient haben, da die Bauten fast zeitgleich begonnen wurden (Wiesenkirche ab 1313), alle Bauteile der Kilianskirche jedoch wesentlich früher fertiggestellt waren als jene der Wiesenkirche. Das Langhaus der Kilianskirche ist fast quadratisch, aber etwas breiter (26,96 m) als lang (23,50 m). Die drei Schiffe des Langhauses sind gleich breit und gleich hoch. Das Kreuzrippengewölbe wird von den vier das Mittelschiff begrenzenden Rundpfeilern getragen. Der quadratische Westturm ist etwas südlich aus der Achse verschoben mit einem halbrund vorspringenden Treppenturm in der Nordwand und einer Kapelle (Marienkapelle, alte Münze) von zwei Jochen vor der Südwand. Das Steinwerk besteht im wesentlichen aus Kalksteinquadern, am Chor und an der östlichen Südschiffwand vereinzelte Bänder von rotem Sandstein. Die Kirche verfügte ursprünglich über vier Kapellen, von denen nur noch zwei erhalten sind:

1. Im Nordosten zwischen Chor und Schiff die als Kapelle gleichzeitig mit dem Chor erbaute Sakristei, ursprüglich vielleicht die St.-Johannes-Evangelista-Kapelle. Diese Kapelle besteht heute noch.

2. Eine Kapelle an der Nordostseite des Turmes, wahrscheinlich aus der Bauzeit der Kirche, die jedoch 1788 wegen Baufälligkeit abgetragen wurde.

3. Die Marienkapelle oder "Unser lieven frauwin huß" an der Südwestecke zwischen Turm und Schiff mit dem Altar der heiligen Jungfrau Maria. Die Kapelle wurde zusammen mit dem Turmuntergeschoß bereits Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut. Sie wird jedoch erst 1443 zuerst genannt. Der Altar findet 1455, 1561 und 1525 Erwähnung. Noch 1757 stand auf ihm eine später abhanden gekommene Steinfigur der Maria mit dem Jesuskind. Die Kapelle wurde nach der Reformation bis 1567 als "Münze" genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde hier eine Gedenkstätte für die Kriegstoten eingerichtet.

4. Die Heilig-Kreuz-Kapelle war eine zweigeschossige gotische Kapelle an der Südseite des Langhauses vor dem westlichen Seitenschiffjoch, zwischen der o.g. Marienkapelle und dem Südportal. Sie diente als Totenkapelle für die um die Kirche befindliche Begräbnisstätte von St. Kilian. Die Kapelle wird 1383 zuerst genannt. Der gleichnamige Altar ist eine Stiftung des Priesters Gottschalk von Astenfeld. Der Altar wird 1410, 1461, 1470, 1479, 1508 und 1516 erwähnt. Die Kapelle war von außen sowie von der Kirche aus zugänglich. 1687 wird sie als baufällig bezeichnet, 1706 zu einer Begräbniskapelle für das waldeckische Herrscherhaus umgebaut. Sie wurde 1836 wegen Baufälligkeit abgebrochen. Auf einer Lithograpie des Arolser Malers und Zeichners Alfred Yark (* 1806; nach 1843) ist sie noch zu sehen. Das Dach der Kapelle zeichnet sich heute noch im Mauerwerk zwischen dem westlichen Strebepfeiler des Langhauses und dem westlich des Südportals liegenden Fenster ab.

Der Charakter des Bauwerks ist nicht nur infolge der Ersetzung des spitzen Dachhelms durch eine "Laterne", sondern auch durch die nach dem Brand von 1685 erfolgten Umbau des Dachs des Langhauses erheblich verändert worden. Ursprünglich trug das Mittelschiff für sich allein ein spitzes Satteldach, gegen das die Satteldächer der drei Seitenschiffjoche rechtwinkelig stießen. Über den Seitenschiffronten des Langhauses waren dementsprechend drei spitze Wimperge angebracht und die Strebepfeiler endeten in zierlichen gotischen Fialen, wie sie heute noch am Chor vorhanden sind. Der Kupferstich von Wilhelm Dilich zeigt anscheinend vier Wimperge und Seitenschiffdächer; die westliche Dachhaube könnte jedoch auch der Heilig-Kreuz-Kapelle zugehörig sein. Das Kirchendach wurde bis 1692 durch die Meister Matthias Büren und A. Renes aus Korbach in der heutigen, alle drei Schiffe durch ein gemeinsames Satteldach zusammenfassenden Form erneuert, wobei die Wimperge und die Fialen der Strebepfeiler entfernt wurden.

Der Turm der Kilianskirche im Mai 2015.
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Maße

Die Innen- und Außenmaße der Kirche sind wie folgt: [25]

Ursprüngliche Höhe des Turmes

Der ursprüngliche Oktogon-Spitzhelm war wesentlich höher als die heutige "Laterne" bzw. welsche Haube. Nach einer in der Turmspitze gefundenen Rechnung aus dem Jahr 1392 hatte das Stein- und Holzwerk des Turmes von der Erde bis zum Gesims des Umgangs eine Höhe von 156 Fuß und von der Erde bis zum Kreuz an der Turmspitze eine Gesamthöhe von 317 Fuß. [26] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 7) halten die Angabe auf der Grundlage des von ihnen verwandten preußischen/rheinländischen Fußes (0,31385 Meter) für zu hoch angesetzt (S. 353, dort Anm. 4), falls nicht zu jener Zeit ein kleineres Maß üblich gewesen sei. Bei Anwendung des preußischen Fußmaßes errechnete sich eine ursprüngliche Turmhöhe von 99,49 Metern, was in der Tat zu hoch bemessen wäre. CURTZE/RHEINS liefern jedoch selbst einen Vergleich mit anderen Kirchtürmen, deren Höhe sie wie folgt angeben (S. 20, dort Anm. 3):

Übertragen auf die heute zumeist angegebenen Metermaße der vorgenannten Kirchen ergibt sich, daß den Angaben folgende Fußmaße zugrunde liegen müssen:

St. Nikolai und St. Kilian von Süden im Juni 2015.
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Da der Turm des Mainzer Doms mit umgerechnet 0,214 Meter für die Länge eines Fußes aus den übrigen Werten deutlich nach unten heraussticht, dürfte es sich bei der Angabe von 390 Fuß wahrscheinlich um einen Druckfehler handeln (richtig wohl: 290 Fuß), da ein Fuß je nach Epoche und Land minimal 25 und maximal 34 Zentimeter maß, zumeist aber zwischen 28 und 32 Zentimeter lag. Die anderen Werte deuten darauf hin, daß ein Fußmaß von rund 0,29 Metern zugrundegelegt worden ist. Dies entspricht fast genau dem bis ins 19. Jahrhundert gültigen alten Waldeckischen Fuß, der 129,6 Pariser Linien (= 2,2558 mm) maß [26a], mithin 0,2924 Meter je Fuß. Angewandt auf die für den Turm der Kilianskirche angegebene Höhe von 317 Fuß errechnet sich ein Wert von 91,93 Metern Turmhöhe. Das angenommene Fußmaß von 0,29 Metern korrespondiert zudem mit der noch heute unverändert bestehenden Höhe des Umgangs von 144 preußischen Fuß (45,22 m). Diese wiederum entspricht exakt den in der Rechnung von 1392 angegebenen 156 Fuß bei einem Fußmaß von 0,29 Metern (= 45,24 m).

Der Wert von gut 90 Metern scheint durchaus realistisch, berücksichtigt man, daß bei der Schwesterkirche St. Nikolai in der Neustadt der (ehemalige) Umgang sich auf halber Höhe des Turms befindet, der Turm vom Umgang bis zur Turmspitze mithin etwa gleich hoch ist wie vom Erdboden bis zum Umgang, ferner der Turmhelm von der Giebelspitze bis zur Turmspitze dreimal höher ist als der Giebel selbst. Daß gleiche Verhältnisse auch für die Kilianskirche anzunehmen sind, ergibt sich nicht nur aus der Gleichartigkeit der Turmarchitektur, [27] sondern läßt sich auch dem Kupferstich von Wilhelm Dilich aus dem Jahr 1605 entnehmen, der diese Größenverhältnisse recht genau nachbildet. Im Hinblick auf die Höhe von 45 Metern vom Erdboden bis zum Gesims des Umgangs ist von einer gleichen Höhe - mit Turmkreuz eventuell etwas mehr - vom Umgang bis zur Turmspitze auszugehen, also von wenigstens 90 Metern Turmhöhe. [28]

Damit verfügte die Kilianskirche zum Zeitpunkt der Vollendung des Turmes nicht nur über den höchsten Kirchturm der Grafschaft Waldeck, sondern über den höchsten Turm im Umkreis von wenigstens 120 km Luftlinie. Verstärkt wurde und wird der Höheneindruck der Kirche durch die exponierte Lage der Altstadt auf der waldfreien Korbacher Hochebene. Die ursprüngliche Architektur des Turmes und des Langhauses war vermutlich bewußt auf die Höhenwirkung angelegt. Die Kilianskirche ist von Norden, Westen und Süden weithin sichtbar und beherrscht die Korbacher Hochebene. Nur aus Richtung Osten ist der Blick auf den steinernen Unterturm seit jeher von Hügelketten verstellt. Ursprünglich überragte die Kirchturmspitze, die sich in rund 470 Metern ü. NHN befand, allerdings auch die die Stadt östlich umrahmenden Hügel (Waldecker Berg, "Hartmanns Bäumchen", Marke, Berndorfer Wald). Diese dominante Wirkung wurde zum einen durch die brandbedingten neuen Dachkonstruktionen, zum anderen durch die sehr raumgreifenden Neubau- und Gewerbegebiete, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts um die Altstadt gewachsen sind, eingeschränkt.

Das Südportal

Zu den herausragenden Kunstwerken der Stadt gehört das Südportal der Kilianskirche, dessen Reichtum einmalig im weiten Umkreis ist. Die beiden Portale des Wetzlarer Doms aus ungefähr gleicher Zeit stehen ihm vielleicht räumlich am nächsten, [29] ebenso das Figurenportal der Marienkirche in Mühlhausen/Thüringen. Beide bleiben nach der Zahl der Figuren jedoch weit hinter der Kilianskirche zurück. Das Portal besitzt 17 Statuen und 36 Sitzfiguren, daneben weitere 24 unbesetzte Konsolen an den seitlichen Strebepfeilern sowie fünf freie Konsolen an den östlichen und westlichen Eckpfeilern der südlichen Langhauswand. Es ist nicht bekannt, wieviele von den fehlenden Figuren verloren gingen und wieviele überhaupt nicht zur Ausführung gekommen sind.

Das Südportal der Kilianskirche.
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Das Südportal findet sich am mittleren Joch des südlichen Seitenschiffs, von zwei Strebepfeilern flankiert, und zeigt in seinen tiefen Gewänden drei breite Kehlen, in denen die eigentlichen Portalfiguren angeordnet sind. Auf dreiseitigen 230 cm hohen Sockelprismen, deren Seiten und Kanten mit Blendgiebeln und Fialen geschmückt sind, stehen links die 145 cm hohen Figuren der Apostel Petrus, Paulus und Bartholomäus, rechts die gleich hohen Heiligen Johannes und Katharina und eine etwas kleinere (130 cm) Anna selbdritt (jeweils von Innen nach Außen). Zwischen ihnen, am Trumeau des Eingangs eine Madonna mit dem Kind (145 cm). Baldachine über den Figuren schließen den geraden Teil des Gewändes ab. Die Bogenläufe darüber sind ausgefüllt mit drei Reihen von kleinen Sitzfiguren unter Baldachinen (Höhe etwa 50 cm). Der äußere Bogen enthält vierzehn Heilige mit Schriftbändern. Die zweite Archivolte zeigt zwölf Apostelfiguren mit Schriftbändern und Attributen. Im inneren Bogenlauf finden sich zehn kniende oder sitzende Engel mit den Leidenswerkzeugen. Am Zusammenschluß der Bogenhälften zeigt sich außen der bärtige Kopf Gottvaters, in der Mitte die Halbfigur Christi, innen die eines Engels.

Auf der dritten Ebene des östlichen Strebepfeilers fand sich jedenfalls zwischen 1843 und 1936, vielleicht bereits seit 1619, eine offenbar nicht ursprünglich in das Südportal gehörende Ritterfigur. Nachdem Historiker noch Anfang des 20. Jahrhunderts bestritten hatten, daß es sich bei dieser Figur um den Roland der Stadt handele, wurde sie 1936 auf Initiative des Stadthistorikers Wolfgang Medding und des Bürgermeisters Paul Zimmermann als Roland anerkannt und an das Rathaus versetzt. Die Identität der Figur ist jedoch weiterhin umstritten (→ siehe Hauptartikel Korbacher Roland).

Das Tympanon trägt eine Reliefdarstellung des Jüngsten Gerichts. In der Mitte thront Christus auf dem Regenbogen zwischen Maria und Johannes und zeigt seine Wundmale. Zu beiden Seiten finden sich Schriftbänder, über diesen zwei posaunenblasende Engel in Halbfigur. Zu unterst die Auferstehung mit vier ihren Särgen entsteigenden Toten. Das Relief unterscheidet sich auffällig vom Rest des Südportals und läßt vermuten, daß es erst in späterer Zeit entstanden ist. [30] Die beiden posaunenblasenden Engel in der Spitze sowie der Kopf Jesu sind, wie die anderen Figuren, aus Kalkstein gefertigt. Sie stammen ausweislich ihres Erhaltungszustands aus der gleichen Zeit wie die übrigen Figuren. [31] Der Rest des Tympanons besteht hingegen aus sechs roten Sandsteinplatten, die einzeln gefertigt und in den Spitzbogen eingefügt worden sind. Nach anderer Ansicht sollen die Sandsteinreliefplatten in ihrer an die Antike erinnernden flachen Darstellung sogar älter als die übrigen Kalksteinfiguren und bereits im 14. Jahrhundert entstanden sein. [32] Hiergegen spricht jedoch das verwendete Material (roter Sandstein) sowie der Umstand, daß die Engel und der Kopf Jesu aus Kalkstein gefertigt und die Sandsteinplatten offenbar nachträglich einzeln in das Tympanon eingepaßt sowie um den älteren Kopf Jesu herum gesetzt worden sind. Auch der Verwitterungszustand des Reliefs einerseits und der übrigen Figuren andererseits deutet auf ein jüngeres Entstehungsdatum des Reliefs hin. Anscheinend wurde das ursprüngliche Kalkstein-Tympanon im 15. Jahrhundert nicht vollendet oder später beschädigt, so daß der untere Teil wahrscheinlich eine nachträgliche Ergänzung darstellt. Über den künsterlerischen Wert dieses Reliefs gibt es unterschiedliche Auffassungen. MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1, S. 43) empfindet es als "ziemlich grobschlächtige Handwerksarbeit, deren Wirkung mehr auf der alteltümelnden, strengen Symmetrie des Aufbaus, auf der ornamentalen Ausbreitung der Figuren, namentlich der des Weltenrichters, auf der naiven Darstellung der auferstehenden Toten beruht als auf plastischen Qualitäten". Auch CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6, S. 368) beurteilen den Stil als "im Ganzen höchst unedel". Hingegen ist MEDDING (wie Anm. 4, S. 112) der Ansicht, das Werk sei "eindrucksvoll in seiner großartigen Monumentalität", eine "Darstellung voll inniger Schönheit".

Der Türsturz wird von vier Konsolenfigürchen mit den Evangelistensymbolen getragen, von links nach rechts: Engel, Adler, Löwe und Stier.

Der bei Figurenportalen dieser Art übliche Wimperg ist angedeutet in einem niedrigen, flachen Giebel, der an den Enden in die Vorderkante eines schmalen Pultdachs zwischen den Strebepfeilern umbiegt. Ein sockelartiger Aufsatz der Giebelspitze trägt die nicht erklärte Halbfigur eines Mannes der nach rechts geneigt und nach oben blickend seinen Kopf auf den rechten Arm stützt, während der linke Arm wagerecht vor den Körper genommen auf der Sockelkante lehnt und ein Werkzeug, vielleicht eine Art Winkelmesser, hält. Möglicherweise hat sich hier der Baumeister verewigt.

Die das Portal seitlich abschließenden Strebepfeiler bieten in fünf Abstufungen Raum für 34 Figuren, zwölf am westlichen und 22 am östlichen Strebepfeiler. [33] Nur zehn Konsolen sind jedoch bestückt. Der westliche (linke) Strebepfeiler hat auf seiner Westseite keine Konsolen für Figuren, da hier bis 1836 die Heilig-Kreuz-Kapelle anschloß (s.o.). An der Südseite (Vorderseite) finden sich auf vier Ebenen jeweils zwei Konsolen, von denen jedoch nur die beiden auf der zweiten Ebene mit Figuren bestückt sind. Auf der fünften Ebene steht eine Bischofsfigur mit Stab und Kirche, die als der heilige Kilian angesehen wird. An der dem Portal zugewandten Innenseite (Ostseite) des linken Strebepfeilers befinden sich drei übereinander angeordnete Konsolen, von der lediglich die mittlere eine Figur enthält, nämlich eine männliche Person in Laientracht des 15. Jahrhunderts, die nicht näher bestimmt werden kann. Der westliche (linke) Strebepfeiler bietet also Platz für zwölf Figuren, von denen nur noch vier erhalten sind.

Der östliche (rechte) Strebepfeiler des Portals bietet auf der unteren Ebene Platz für sieben Figuren, eine auf der Innenseite, zwei auf der Vorderseite (Südseite) und vier auf der dem Portal abgewandten Ostseite. Bestückt mit Figuren sind lediglich die Konsole auf der Innenseite und die zwei Konsolen der Front. Die vier Plätze auf der Ostseite sind leer. Noch einmal Platz für sechs Figuren ist auf der zweiten Ebene. Die Anordnung entspricht der ersten Ebene mit Ausnahme der Ostseite, die hier lediglich drei statt vier Konsolen enthält. Von diesen Konsolen enthalten wiederum nur jene auf der Innen- und der Vorderseite insgesamt drei Figuren. Die dritte Ebene mit insgesamt sechs Plätze ist, wie auch am westlichen Strebepfeiler unbesetzt. Gleiches gilt für die beiden Konsolen auf der vierten Ebene. In der obersten Konsole findet sich auch hier eine Bischofsfigur mit Stab und Buch, vermutlich den Patron der Neustadt, St. Nikolaus, darstellend.

Das Portal ist mit Strebepfeilern 9,80 m und ohne die Pfeiler 7,36 m breit. Die innere Breite beträg 5,25 m, die Gesamthöhe 9,39 m und die Höhe bis zum Türsturz 4,65 m. [34]

Eine über dem Baldachin der Marienfigur eingemeißelte Inschrift nennt den Vizebürgermeister Johann Botterweg und die Jahreszahl 1632. Man nimmt an, daß in diesem Jahr eine erste Überarbeitung oder Restaurierung des Portals abgeschlossen wurde. Bei der Renovierung 1935/36 erwiesen sich einige Figuren durch Umwelteinflüsse derart stark geschädigt, daß sie durch Nachbildungen ersetzt werden mußten. Die Originale befinden sich seitdem im Museum oder im Inneren der Kirche. Anfang 1998 wurde das Portal für drei Jahre durch einen Holzvorbau und Plastikplanen eingerüstet. Erneut mußten einige der Heiligen durch Kopien ersetzt werden. Andere wurden durch Injektionen von Steinhärtermasse saniert. Die Kosten betrugen 425.000 DM. [35]

Wasserspeier

Bemerkenswert sind die wenig beachteten Wasserspeier, wie man sie in dieser Anzahl, Größe und Qualität zumeist nur an größeren gotischen Katheralen und Domen findet. Langhaus und Chor werden von 14 Strebepfeilern gestützt: jeweils vier an der Nord- und Südseite des Langhauses und sechs am Chor. Die Strebepfeiler sind in Traufhöhe mit Wasserspeierfiguren verziert. Die Figuren am Chor gehören noch der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an, jene am Langhaus wurden Ende des 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gefertigt: [36]

Am Südwestpfeiler des Langhauses: ein Raubtier (Löwe?).
Am Westpfeiler des Südportals: eine menschliche Figur mit hundeartigem Kopf.
Am Ostpfeiler des Südportals: ein Mönch.
Am Südostpfeiler des Langhauses: eine Nonne (Kopf im 20. Jahrhundert zerstört).
Am Südpfeiler des Chores: ein Hammel (?), allerdings mit Pfoten statt Hufen.
Am Südostpfeiler des Chores: ein Dämon mit Hufen und drachenartigen Ohren.
Am Ostsüdostpfeiler des Chores: ein geflügelter Dämon, menschenartige Fratze mit Kinnbart, katzenartige spitze Ohren, zwei Pfoten und fischartiger Schwanz.
Am Ostnordostpfeiler des Chores: ein Teufel, der eine Frau auf dem Rücken trägt.
Am Nordostpfeiler des Chores: eine schreiende, bärtige Männergestalt, lange Haare.
Am Nordpfeiler des Chores (über Sakristei): ein Löwe.
Am Nordostpfeiler des Langhauses: fehlt (Ende der 1980er Jahre noch vorhanden). [37]
Am Ostpfeiler des Nordportals: eine menschliche Figur, die den Kopf (abgebrochen) in die Hände stützt.
Am Westpfeiler des Nordportals: fehlt. Vielleicht ging die Figur bei der Neuerrichtung dieses Strebepfeilers im Jahr 1836 verloren.
Am Nordwestpfeiler des Langhauses: ein Hund.

Literatur

Abgesehen von der zum Teil überholten, zum Teil unvollständigen Darstellung von CURTZE/RHEINS aus dem Jahr 1843 fehlt es bislang an einer umfassenden monographischen Untersuchung der Bau- und Kirchengeschichte von St. Kilian; ebenso an einer eingehenden archäologischen Untersuchung von Kirchhof und Kirche.

Bilder

Die Schwarz/Weiß-Aufnahmen werden veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Bildarchivs Foto Marburg www.fotomarburg.de

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Anmerkungen

[1] Alle Angaben, soweit nicht anders angegeben, nach Werner MEYER-BARKHAUSEN, Alte Städte zwischen Main und Weser: Corbach, Verlag H.W. Urspruch, Korbach 1923, S. 34-50, und Wolfgang MEDDING (Bearb.) in: Friedrich BLEIBAUM (Hrsg.), Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Neue Folge, Dritter Band, Kreis des Eisenberges, Kassel 1939, S. 107-119; ders., Baudenkmäler und Kunstschätze der 1000-jährigen Stadt Korbach, Ludwig BING (Hrsg.), Korbach (ca. 1980); ders. Korbach - Die Geschichte einer deutschen Stadt, 2. Auflage 1980, S. 100-106 und S. 112-130.
[2] Zur Berechnung der ursprünglichen Höhe vgl. die Ausführungen unter "Architektur". Soweit ersichtlich, verfügten Ende des 14. Jahrhunderts lediglich folgende Kirchen über höhere Türme: Kathedrale von Lincoln (160 m/um 1311), Campanile des Doms von Cremona (112 m/um 1309), Kathedrale von Norwich (96 m/um 1150), Kathedrale von Salisbury (123 m/um 1320), Lübecker Dom (115 m/um 1230), Marienkirche Lübeck (125 m/um 1350), Dom Utrecht (112 m/um 1382), St. Katharinen Osnabrück (103 m/14. Jh.), Marktkirche Hannover (98 m/14. Jh), Freiburger Münster (116 m/um 1330). Korrekturen und Ergänzungen sind willkommen.
[3] Jürgen KNEIPP, Archäologische Untersuchungen an der gotischen Stadtkirche St. Kilian zu Korbach, in: hessenARCHÄOLOGIE, Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie, 2011, S. 133-139 [136-138]. Die im Inneren des Gebäudes durchgeführten Ausgrabungen mußten jedoch auf eine Fläche von 26,00 x 5,00 m entlang der Westmauer und 20,00 x 7,00 m entlang der Nordmauer beschränkt werden.
[4] Vgl. Wolfgang MEDDING, Korbach - Die Geschichte einer deutschen Stadt, 2. Auflage 1980, S. 9 und 100; MEDDING/BLEIBAUM (wie Anm. 1), S. 107, nahmen allerdings noch an, die Kirche sei eine Gründung des Stiftes Paderborn aus dem 11. Jahrhundert.
[5] Albert LEISS, Chronik der Stadt Corbach, I. Teil (980-1377), in: Geschichtblätter für Waldeck und Pyrmont, Band 14 (1914), S. 149-166 [152].
[6] Louis CURTZE/Ferdinand von RHEINS, Geschichte und Beschreibung der Kirche St. Kilian zu Corbach, Arolsen 1843, S. 17.
[7] Werner MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 34, meint, die Inschrift bezeuge das Jahr der Vollendung des Chores; ebenso LEISS (wie Anm. 4), S. 158; dagegen sind MEDDING (wie Anm. 4) und CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 19, der Ansicht, das Jahr bezeichne den Baubeginn.
[8] Vgl. Heinrich DIETERICH, Aus der Geschichte der Kirche St. Kilian, in: Klosterglöcken - Nachrichten für die Mitglieder des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 9. Jahrgang, Nr. 1/1936, S. 2-3 [2]: "Die auf dem südöstlichen Strebepfeiler deutlich erkennbare Jahreszahl lautet 1335 und bezeichnet zweifellos das Jahr der Fertigstellung des Chores."
[9] Philip KNIPSCHILDT, Corbachische Chronik bis zu dem Jahre 1623, S. 119 (Anm.), in: Johann Adolph Theodor Ludwig VARNHAGEN (Hrsg.), Sammlungen zu der Waldeckischen Geschichte älterer und neuerer Zeit, Erster Theil, Mengeringhausen 1780, unter Hinweis auf Johannes COLNERUS, Chronologia et Synchrotemate Paparus, Corbach 1675, S. 493: "A.C. 1325. Corbachii ad D. Kiliani chorus templi aedificari caeptus, anno 1420. corpus intermedium, & anno 1450. totus corpus completum ..." ( Digitale Ausgabe); CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6) halten diese Nachricht für unrichtig, erachten 1335 für zutreffend und meinen, Varnhagen habe ein "X" übersehen. Diese Annahme setzt jedoch die Richtigkeit der Vermutung voraus, die Jahreszahl 1335 bezeichne das Jahr des Beginns der Bauarbeiten. Es erscheint naheliegender, von einer 10-jährigen Bauzeit nach Grundsteinlegung im Jahr 1325 auszugehen. Die Angabe bei COLNERUS - ein fehlerfreies Zitat bei VARNHAGEN vorausgesetzt - könnte auf eine ältere, damals noch vorhandenen Urkunde oder Überlieferung zurückgehen, zumal VARNHAGEN aus einem weiteren Werk des Rektors des Korbacher Gymnasiums, Christian Wilhelm KREUSLER, aus dem Jahr 1777 zitiert, der ebenfalls das Jahr 1325 angibt. Spätere Autoren haben stets die Annahme von CURTZE/RHEINS und MEDDING übernommen, ohne auf VARNHAGEN einzugehen, so daß heute allgemein - jedoch zu hinterfragen - 1335 als Jahr des Baubeginns der Kilianskirche angenommen wird. Freilich müssen die älteren Quellen nicht inhaltlich zutreffend oder könnten sogar falsch zitiert worden sein.
[10] KNIPSCHILDT (wie Anm. 9), S. 115, gibt an, man habe mit dem Turmbau erst 1393 begonnen und beruft sich dabei auf KLÜPPEL (wie Anm. 14), Liber II, Cap. 14, S. 41-24; JÜRGES (wie Anm. 14), S. 91, Anm. 6, hält diese Angabe für falsch und schließt sich CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 19, an, die darauf hinweisen, daß der Priester der Heiligkreuz-Kapelle, Gottschalk von Astenffeld, aufgezeichnet hat, was er 1392 für die Turmspitze ausgegeben hat. Vgl. auch Albert LEISS, Chronik der Stadt Corbach, II. Teil (1377-1434), in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, 18. Band (1920), S. 57 und Anm. 7 (70), unter Hinweis auf das Originalpergament im 2. Konvolut des Jahrs 1692, Stadtarchiv Korbach, Nr. 246. Bei CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6) sei die Rechnung fehlerhaft wiedergegeben. So auch MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), Anm. 6 (S. 52).
[11] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 19-21, die insoweit die im Turmknopf gefunde Rechnung zitieren. Das Zitat gibt die Urkunde angeblich unrichtig wieder, vgl. oben, Anm. 7.
[12] Vgl. CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 22.
[13] Vgl. KNEIPP (wie Anm. 3). Die Mauern der Vorgängerbauten befinden sich weitgehend innerhalb des neuen Langhauses.
[14] Zitiert nach: Paul JÜRGES/Albert LEISS/Wilhelm DERSCH (Bearb.), Waldecker Chroniken, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, Band VII 2, Marburg 1914, Konrad Kluppels Chronik und Briefbuch, Anhang, S. 108 ( Digitale Ausgabe).
[15] KNIPSCHILDT (wie Anm. 9), S. 182, beruft sich als Quelle auf das Stadtbuch ("Alt StadtProtocoll mit Clausum"), S. 73 und die Chronik Klüppels, 2. Buch, 14. Kapitel ( Digitale Ausgabe).
[16] Zitiert nach JÜRGES/LEISS/DERSCH (wie Anm. 14), S. 106-107.
[17] KNIPSCHILDT (wie Anm. 9), S. 209 ( Digitale Ausgabe).
[18] Zitiert nach JÜRGES/LEISS/DERSCH (wie Anm. 14), S. 107.
[19] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 177; in der Waldeckischen Gemeinnützigen Zeitschrift, 1. Jahrgang 1837, S. 68, wird irrig der 19. April 1685 angegeben.
[20] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 177.
[20a] Waldeckische Gemeinnützige Zeitschrift, 1. Jahrgang 1837, S. 68-77 [69].
[20b] Waldeckische Gemeinnützige Zeitschrift, 1. Jahrgang 1837, S. 68-77 [70-75].
[21] Lutz BENSELER, Kirchensanierung vor Abschluß, in: Waldeckische Landeszeitung, Onlineausgabe vom 10. April 2015.
[22] Vgl. Peter WITZEL/Karl SCHILLING, Dem Franziskanermaler auf der Spur, in: Waldeckische Landeszeitung, Onlineausgabe vom 25. Mai 2015. Die ersten Ergebnisse wurden im Januar 2016 veröffentlicht: Julia LIEBRICH auf ART-Dok Publikationsplattform Kunstgeschichte der Universitätsbibliothek Heidelberg.
[23] Jörg KLEINE, Christkindwiegen am Kilian ist gerettet, in: Waldeckische Landeszeitung, Ausgabe vom 07.11.2015, Seite 6.
[23a] MEDDING/BLEIBAUM (wie Anm. 1), S. 112; vgl auch. Jörg KLEINE, Ein Turm, der hat vier Ecken, Waldeckische Landeszeitung, Online-Ausgabe vom 24.09.2015.
[24] Georg QUEHL, Die Kilianskirche zu Corbach und ihre Beziehungen zur Wiesenkirche in Soest, in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, Band 33 (1933), S. 87-94.
[25] Metermaß nach MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 53-54; die Fußmaße in Klammern nach CURTZE/RHEINS (wie Anm. 7), S. 349-350. CURTZE/RHEINS legen der Einheit den preußischen/rheinländischen Fuß von 1816 zugrunde = 0,313853497 m.
[26] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 20.
[26a] Vgl. Pierer's Universal-Lexikon, 4. Auflage, Altenburg 18571865, S. 792.
[27] Vgl. MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 51.
[28] Zu dem gleichen Ergebnis gelangt MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 53, Anm. 16.
[29] MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 41.
[30] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 368; DIETERICH (wie Anm. 6) setzt das Relief zeitlich in Verbindung mit der Baldachin-Inschrift über der Marienfigur (1632).
[31] CURTZE/RHEINS (wie Anm. 6), S. 368.
[32] MEYER-BARKHAUSEN, Der Meister des Korbacher Figurenportals, in: Hessische Heimat, Heft 3/4 1954, S. 6-11 [7, 10]; MEDDING (wie Anm. 4, S. 112).
[33] MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 42, gibt nur 25 Plätze an und zählt die über der zweiten Ebene liegenden kleinen, spitzbogenförmigen Nischen offenbar nicht mit.
[34] MEYER-BARKHAUSEN (wie Anm. 1), S. 55, Anm. 38; vgl. auch CURTZE/RHEINS (wie Anm. 7), S. 364, Angaben in Fuß und Zoll.
[35] Angaben nach Hans OSTERHOLD (Bearb.), Meine Stadt - Korbacher Bauten erzählen Stadtgeschichte, Magistrat der Stadt Korbach (Hrsg.), aktualisierte Auflage 2011, S. 126; Waldeckische Allgemeine (HNA), Ausgabe vom 29. Mai 1999, S. 13.
[36] MEDDING (wie Anm. 1), S. 110.
[37] Vgl. Wilhelm Bing Verlag/Magistrat der Stadt Korbach (Hrsg.), Korbach - Ein Bildband, Korbach 1988, S. 69. Auf dem dort veröffentlichten Lichbild, das die Kirche von Süden zeigt, ist die Figur noch sichtbar, Einzelheiten jedoch nicht erkennbar. Es ist hier nicht bekannt, wann und wie die Figur von ihrem Platz entfernt wurde. Die Stelle ist bis heute nur provisorisch mit Ziegelsteinen ausgefüllt.