Unterer Herrenhof (Korbach)

Das Gelände des früheren Unteren Herrenhofs im Februar 2016.
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Der Untere Herrenhof war ein Verwaltungssitz der Grafen von Waldeck in der Altstadt von Korbach an der heutigen Unterstraße. Er lag unterhalb bzw. östlich der Nikolaikirche. Das Gelände, auf dem sich heute keine historischen Bauteile des Kanzleisitzes mehr befinden, wird noch immer "Unterer Herrenhof" genannt. [1]

Geschichte

Das Gebiet des Unteren Herrenhofs wird berenzt durch die Unterstraße, die Nikolaistraße und die Professor-Bier-Straße. Auf dieser Fläche standen die folgenden Gebäude:

a) das Fruchthaus, später Gerichtsgefängnis (Unterstraße 1)
b) die Landkanzlei, später Kreisamt (Unterstraße 3)
c) die Zehntenscheune an der Nikolaistraße (Nikolaistraße 4)
d) ein freier Platz hinter dem Haus Unterstraße 3, heute Professor-Bier-Straße 12.

1. Erste bekannte Eigentümerin der einstigen Hofanlage war 1475 die Familie (von) Winter. [2]

2. Zu einem unbekannten Zeitpunkt, Mitte des 16. Jahrhunderts, erwarb Eitel Wolff von Gudenberg das Anwesen. Er entstammte dem Geschlecht der Wolff von Gudenberg. Der Hof soll durch Erbschaft an die Familie Wolff von Gudenberg gelangt sein. [3] Mit Kaufvertrag vom 11. April 1564 veräußert er seinen Hof an der Neustädter Kirche zu Corbach, den seine Frau, geborene von Spiegel, zur Morgengabe bekommen hat, an Philipp den Mittleren, Grafen von Waldeck. [4] Eitel Wolff von Gudenberg war der Sohn seines gleichnamigen Vaters ("der Ältere") und der Ottilie von Malsburg, Tochter des Bernhard von Malsburg. [5] Er war in erster Ehe verheiratet mit Margarethe von Medefeld und in zweiter Ehe mit Margarethe Agnes von Spiegel zu Desenberg. Das bei BUTTLAR (wie Anm. 5) angegebene Geburtsjahr 1549 kann allerdings nicht zutreffen, da Eitel beim Verkauf des Hofes erst 15 Jahre alt und schon zum zweiten Mal verheiratet gewesen wäre. Er wäre auch nach damaligen Recht noch nicht volljährig und nicht voll geschäftsfähig gewesen. Der von KRÖPELIN (wie Anm. 4) zitierten Urkunde ist indes nicht zu entnehmen, daß ein Vormund für ihn gehandelt hat. Vielleicht liegt eine Verwechslung mit dem Todesjahr seines Vaters vor, das ebenfalls in das Jahr 1549 gesetzt wird. Hierfür spricht zudem, daß Eitel der Jüngere mit seiner ersten Ehefrau fünf Kinder hatte, [6] beim Verkauf des Hofes also mindestens 25 bis 30 Jahre alt gewesen sein dürfte. Eitel der Jüngere soll am 11. Mai 1610 zu Meimbressen gestorben sein, wo er ein Herrenhaus errichtet hatte.

3. Bei dem Erwerber des Grundstücks muß es sich um Philipp V. von Waldeck (1519/20-1584), Sohn des Grafen Philipp III. von Waldeck (1486-1539) und dessen zweiter Ehefrau Anna von Kleve (14951567) gehandelt haben. Dies ergibt sich aus dem Kaufvertrag, der unten (Ziff. 5) dargestellt ist.

4. Zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt zwischen 1564 und 1573 erwarb der Graf Franz von Waldeck den Hof von seinem Bruder Philipp (Nr. 3).

5. Mit Kaufvertrag vom 2. Dezember 1573 veräußert Franz von Waldeck mit Zustimmung seines Bruders Philipp für 460 Taler seinem Bruder Graf Wolrad II. von Waldeck seinen erbeigenen Hof bei der Neustädter Kirche in Korbach, wie er ihn von seinem Bruder Philipp und dieser von Eitel Wulff übernommen hat. [7]

Bilder

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Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS/Karl WILKE/Lothar GERLACH (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 3, Kirchstrasse - Unterstrasse - Nikolaistrasse - Oberstrasse - In der Pforte - Brauberg - Ketzerbach - Ascher - Mauergasse, 2. Auflage, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 2003, S. 87. Alle folgenden Daten, soweit nicht anders vermerkt, nach THOMAS. Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben.
[2] Wolfgang MEDDING (Bearb.) in: Friedrich BLEIBAUM (Hrsg.), Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Neue Folge, Dritter Band, Kreis des Eisenberges, Kassel 1939, S. 134, ohne Quellenangabe. Zur Familie (von) Winter vgl. Helmut NICOLAI/Wilhelm HELLWIG/Heinrich HOCHGREBE (Bearb.), Waldeckische Wappen - Beiträge zur Familiengeschichte, Teil 1, Waldeckischer Geschichtsverein e.V. (Hrsg.), Arolsen 1985, S. 243-244, Nr. 138.
[3] MEDDING (wie Anm. 1a), ohne Quellenangabe. Zur Familie Wolff von Gudenberg vgl. NICOLAI/HELLWIG/HOCHGREBE (wie Anm. 2), S. 245, Nr. 141.
[4] Bernd KRÖPELIN (Bearb.), Korbach Urkunden im Staatsarchiv Marburg, Regesten, Band 5, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1998, S. 51, Nr. 1857.
[5] Rudolf von BUTTLAR-ELBERBERG, Stammbuch der Althessischen Ritterschaft, Wolfhagen/Kassel 1888, Wolff von Gudenberg zu Meimbressen, Tafel I.
[6] BUTTLAR-ELBERBERG (wie Anm. 5).
[7] KRÖPELIN (wie Anm. 4), S. 351, Nr. 11 185.