Stechbahn 1, Rathaus (Korbach)

Das Rathaus der vereinigten Alt- und Neustadt von 1377 in der Hansestadt Korbach.

Das Rathaus von Korbach trägt die Hausnummer Stechbahn 1 und wurde wahrscheinlich ab dem Jahr 1378 errichtet.

Geschichte

Das Rathaus wurde aufgrund des Vertrages vom 6. Oktober 1377 über die Vereinigung von Alt- und Neustadt an der Grenze der beiden Stadtteile errichtet. Die Urkunde besagt, daß man ein angemessenes Rathaus bauen solle bei dem Turm zwischen den Städten Korbach, da wo Vlubers Haus stehe. Die Mauer zwischen den beiden Städten solle die Wand des Rathauses nach der Neustadt bilden. In dieses Rathaus sollen zwei Türen führen, eine von der Altstadt und eine von der Neustadt. Die Tür der Altstadt soll man von der Altstadt, die der Neustadt von der Neustadt verschließen können. [1]

Das Errichtungsjahr des Rathauses wird daher allgemein in das Jahr 1377 gesetzt. Im Jahr 1977 feierte die Stadt Korbach das 600-jährige Bestehen des Rathauses. Tatsächlich dürfte mit dem Bau jedoch frühestens im Jahr 1378 begonnen worden sein. Nachdem der Beschluß zur Errichtung eines gemeinsamen Rathauses erst am 6. Oktober 1377 gefaßt worden war und der Bauplatz durch Abriß des Vorgängerbaus ("Vlubers Haus") noch freigemacht werden mußte, ist nicht davon auszugehen, daß die Bauarbeiten an dem neuen Rathaus noch im Herbst/Winter 1377 begonnen haben. Eine Fertigstellung des recht großen Baus dürfte sogar kaum vor dem Jahr 1379 anzunehmen sein. Wann das Rathaus tatsächlich eingeweiht wurde, ist nicht überliefert.

Vor dieser Zeit hatten Alt- und Neustadt ihre eigenen Rathäuser. Das der Altstadt stand am Altstädter Markt, dort wo sich heute das Gasthaus "Zur Waage" befindet (Marktplatz 5). Die tiefen Keller mit ihren gotischen Steingewölben und Türdurchlässen stammen noch von diesem ehemaligen Altstädter Rathaus. Das Rathaus der Neustadt befand sich dem jetzigen Rathaus gegenüber an der Ecke der Professor-Kümmell-Straße. An seiner Stelle wurde kurz vor 1595 das Hochzeitshaus erbaut, das dem großen Stadtbrand von 1664 zum Opfer fiel. Heute erhebt sich dort das sogenannte Lebachsche Haus, das seit 1987 die Stadtbücherei beherbergt (Professor-Kümmell-Straße 14).

Das Rathaus ist nicht in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten. Es wurde durch den großen Brand von 1664 bis auf das Mauerwerk zerstört. In den Jahren 1702-1706 wurde es notdürftig wiederhergestellt. Von dem alten gotischen Rathaus stammen nur noch das äußere Mauerwerk und der gotische Treppengiebel der Südseite mit dem Relief des Stadtwappens. Es ist wahrscheinlich, daß auch die Nordseite einst einen Treppengiebel hatte, dessen Schlußstein das Wappen der Neustadt gezeigt haben dürfte. Aufgrund des Vereinbarung im Vertrag vom 6. Oktober 1377 wird angenommen, daß das Rathaus einstmals zwei Eingänge hatte, einen auf der Nordseite zur Neustadt und einen auf der Südseite zur Altstadt. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die vertraglichen Vereinbarungen wortgetreu umgesetzt worden sind. Das Mauerwerk auf der Nord- und Südseite gibt keinen Anhalt dafür, daß sich hier einst Türen befanden, die später vermauert wurden. Auch die vertragliche Bestimmung, wonach die Mauer zwischen den Städten die Nordwand des Rathauses bilden sollte, ist augenscheinlich nicht umgesetzt worden. Die Nordwand ist offenkundig ein Neubau, das Rathaus aus "einem Guß" gefertigt, wofür das homogene Mauerwerk und die Verbundsteine an den Ecken sprechen. Unter statischen Gesichtspunkten dürfte es nicht möglich gewesen sein, das vermutlich altersschwache, aus Bruchsteinen gefertigte Schalenmauerwerk der Altstadtmauer als tragende Wand des neuen Rathauses zu verwenden. Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten hat man offenbar von diesem Vorhaben Abstand genommen. Dementsprechend wurde das Rathaus wahrscheinlich nicht exakt an der Stelle errichtet und ausgeführt wie es im Vertrag zunächst angedacht war. Die Nordfassade des Gebäudes bleibt dementsprechend mehrere Meter hinter dem vermuteten Verlauf der alten Altstadtmauer (entlang der heutigen Professor-Kümmell-Straße) zurück.

Das Rathaus in seiner 1706 geschaffenen Form nach dem großen Stechbahnbrand von 1885. Auf der linken Seite ist noch der Schattenwurf des unbeschädigt gebliebenen Hauses Nr. 8 (Gastwirtschaft Rauch, ab 1902 Herzog, heute Zabel) zu sehen. Das benachbarte Haus Nr. 10 ist dagegen vollständig niedergebrannt und wirft keinen Schatten mehr. Auf der Straße sind noch die Trümmer erkennbar.

In den Jahren 1929/30 wurde das Rathaus nach den Plänen des Bezirkskonservators Bleibaum und Stadtbaumeisters Schleicher umgebaut. Hierbei wurde tief in die historische Baussubstanz eingegriffen. Erst in dieser Zeit wurden die Straßenarkaden geschaffen, das Türmchen an der Nordseite erbaut und das gesamte Innere mit Treppenhaus und Rathaussaal neu gestaltet. [2] Auch die Anordnung der Fenster im Südgiebel wurde ohne Rücksicht auf historisch gewachsene Formen geändert. Vor dem Umbau befanden sich zwischen den ersten Treppengiebelsteinen drei im gotischen Stil gestaltete Fenster. Die beiden äußeren waren durch eine steinerne Strebe in zwei Teile geteilt, die jeweils oben mit einem halben Vierpaß abschlossen. Das mittlere Fenster war einteilig mit einem halben Vierpaß. Das mittlere Fenster wurde vermauert, die beiden äußeren zu rechteckigen Fenstern mit steinernen Fensterkreuzen umgebaut. Zwischen den vierten Treppengiebeln befanden sich ebenfalls zwei einteilige gotische Fensteröffnungen mit halben Vierpaßabschlüssen. Auch diese wurden vermauert. Statt dessen setzte man zwischen die dritten Treppengiebel zwei gotische Spitzbogenfenster mit halben Vierpässen innerhalb der Rahmen. Allerdings fallen im Mauerwerk des Südgiebels weitere Unregelmäßigkeiten auf, die darauf hindeuten, daß der 1929/30 vorgefundene Zustand nicht der ursprünglichen Gestaltung entsprach. So sind über den Fenstern im ersten Stockwerk bogenförmig gemauerte, schmale, senkrecht stehende Bruchsteine auszumachen. Zwischen den beiden Fenstern des ersten Obergeschosses findet sich zudem ein zugemauertes Fenster. Ein ähnliches Bild bietet sich im Erdgeschoß des Südgiebels. Von den ursprünglichen Grundmauern des 14. Jahrhunderts dürfte durch die zahlreichen im Laufe der Zeit vorgenommenenen Veränderungen oberirdisch daher nur noch wenig erhalten sein.

An der Nordwestecke ist im Jahr 1937 die Figur eines Ritters aufgestellt worden, in der man den alten städtischen Roland als Symbol der Gerichtshoheit und Freiheiten der Stadt vermutet. [3]

Nach einer Beschreibung aus dem Jahre 1750 dienten die unteren Räume als Hauptwache, Gefängnis und Waffenarsenal, der Dachboden als Fruchtmagazin. [4]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts diente das Rathaus auch - bis zur Erbauung eines neuen Amtsgerichts im Jahre 1930 - als Gerichtsgebäude. Das Bürgermeisteramt befand sich von 1914 bis 1930 in der späteren Jugendherberge (Lengefelder Straße 16) am Lengefelder Tor. [5]

Eine weitere bedeutende Umgestaltung erfuhr das Rathaus in den Jahren 1970 bis 1972 durch die Errichtung des modernen Erweiterungsbaus. Für den umstrittenen Flachdachbetonbau im Stil seiner Zeit wurden in den Jahren 1968 bis 1970 fünf alte Häuser sowie ein Wirtschaftsgebäude, die das historische Rathaus umgaben, abgerissen. Es handelte sich um die Häuser Professor-Kümmell-Straße 13 und 15, erbaut 1798 bzw. Ende des 17. Jahrhunderts, das Haus Stechbahn 3 (Brüne, um 1890 errichtet) mit dem angrenzenden Wirschaftsgebäude (ebenfalls um 1890 erbaut), sowie die Häuser in der Rathausgasse 12 (Koslow, Baujahr 1690) und das Doppelhaus Nr. 14/16 (Klass/Stadt Korbach, Baujahr ca. 1665). Am 20. November 1970 erfolgte die Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau; bereits am 19. Februar 1971 konnte die erste Betonzwischendecke fertiggestellt und am 28. September 1972 der Bau eingeweiht werden. [6]

Die jüngsten Zukunftspläne für das Rathaus sehen vor, den Anbau aus den Jahren 1970/72 abzureißen und durch einen deutlich kleineren Neubau, jedoch erneut in Beton und Glas gehalten, zu ersetzen. Im Zuge dieser Umgestaltung soll das Haus Professor-Kümmell-Straße 9 saniert und an das Rathaus angebunden werden, das Gebäude Professor-Kümmell-Straße 11 (Kunstgalerie, Baujahr 1737) wurde hingegen im Januar/Februar 2016 abgerissen. Auf dem Parkplatz zwischen dem Rathaus und dem Haus Stechbahn 5 (Stadtwache) soll ein neuer Zwischenbau errichtet werden. Der Konzeptzeichnung zufolge steht auch der Abriß des im Tempel gelegenen Hinterhauses Stechbahn 5 zur Diskussion. [7]

Erscheinungsbild

Die Rekonstruktionszeichnung zeigt das Rathaus, wie es vermutlich bis Mitte des 17. Jahrhunderts ausgesehen hat. Anklicken für größere Version.

Das ursprüngliche Erscheinungsbild ist nicht überliefert. Auf dem bekannte Kupferstich von Wilhelm Dilich aus dem Jahr 1605, ist das Dachgeschoß des Rathauses aus südöstlicher Perspektive zwischen Kilianskirche und Nikolaikirche zu sehen. Aus der Mitte des Daches ragt ein Turm hervor. Es ist anzunehmen, daß auf der Nordseite bis zum Stadtbrand von 1664 ebenfalls ein gotischer Treppengiebel vorhanden war und der Schlußstein das Wappen der Neustadt zeigte.

Ungewöhnlich für ein Funktionsgebäude jener Zeit ist der Umstand, daß das Rathaus nicht über einen Keller verfügt.

Auf dem 1930 geschaffenen neuen Turm findet sich eine Wetterfahne mit dem Wappen der Stadt Korbach. Auf dem Metallsockel der Wetterfahne haben sich der Maschinenbauer Reinhard Limperg (Stechbahn 30) und ein Herr Prager mit ihren Namensinschriften verewigt.











Bilder

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Anmerkungen

[1] Die Urkunde wird im Stadtarchiv Korbach aufgewahrt. Sie ist abgebildet und ihr Text wiedergegeben in: Wolfgang MEDDING, Korbach - Die Geschichte einer deutschen Stadt, 2., unveränderte Auflage, Korbach 1980, S. 50-51.
[2] Vgl. Michael NEUMANN, Von schönen Türmen und luftigen Erkern - Als wäre es schon immer so gewesen, in: Waldeckischer Landeskalender 1993, S. 64-67.
[3] Diese Annahme ist jedoch zweifelhaft. Vgl. den Hauptartikel: Korbacher Roland.
[4] Wilhelm HELLWIG, Korbach in alten Ansichten - Band 2, Zaltbommel/Niederlande 1979, Nr. 28.
[5] Wilhelm HELLWIG, Korbach in alten Ansichten - Band 1, 6. Auflage, Zaltbommel/Niederlande 1980, Nr. 32.
[6] Wilhelm HELLWIG, Chronik der Stadt Korbach, Band 2 (1970-1979), Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1980.
[7] Vgl. Waldeckische Landeszeitung vom 19.09.2014 und Online-Ausgabe vom 22.09.2014: Ein gutes Rathaus ist teuer.